Was tut man als Naturwissenschaftler nach dem Nobelpreis? Die Frage stellt sich ernstlich den heraufziehenden Laureaten einer Generation, die in Track und Zylinder ihren Wilhelm Busch nicht mehr findet und für die Würde sich nicht mehr auf Zierde reimt, wohl aber Bankett auf Fett. Was tut man also? Weitermachen, sich zum Praeceptor mundi aufschwingen, Sitze in wissenschaftlichen Beiräten sammeln und den Doktor Allwissend spielen? Nein, die Geheimratsdämmerung ist angebrochen, the saints are marching out, Rampenlicht steht zwar immer noch hoch im Kurs, aber nicht um den Preis der Langeweile.

Es versteht sich nicht erst seit heute, daß der Nobelpreis eine Art von Freibrief darstellt, und es ist mir stets verwunderlich vorgekommen, daß im Schutze dieser Immunität sich zwar Regionaltyrannen und (selten genug) Serenissimi, mehrheitlich jedoch brave, überarbeitete, auf der Geige dilettierende Bürger entwickelt haben; aber so gut wie nie echte Exzentriker, keine Nein-Sager, keine Wahrheitsfanatiker, keine Leute insgesamt, deren Pässe "ordentliche" Regierungen einziehen möchten und nicht können, eben weil man Pässe von Nobelpreisträgern nicht einziehen kann.

Natürlich gibt es da eine Ausnahme – Linus Pauling, von dem noch zu reden sein wird. Aber der vorherrschende Eindruck ist doch, daß die Jagd nach der Selbstbestätigung mit dem Preis nicht zu Ende ist, sondern sich nur von der wissenschaftlichen auf die soziale Ebene verlagert. Da läßt das Bedürfnis nach Anerkennung sich dann nur durch Anpassung befriedigen, denn der Nobelpreis selbst ist ja für die Lokalpresse schon exzentrisch genug – man will nun verehren, wie man Helden verehrt, und für Helden ist es immer schon besser gewesen, wenn sie tot waren oder doch wenigstens nicht allzu lebendig.

Mit dieser Tradition hat nun einer gebrochen, indem er nach dem Nobelpreis das für mein Gefühl Lustigste tat, wozu ihn sein Jagdschein berechtigte: Er packte aus, und was er auspackte, liegt nun vor und heißt

James D. Watson: "Die Doppel-Helix" – Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Struktur, aus dem Amerikanischen von Wilma Fritsch; Rowohlt Verlag, Reinbek; 284 S., 19,80 DM.

Wenn es ans Auspacken geht, dann denkt man immer an gestohlene silberne Löffel, hinterzogene Steuern, die Verführung Minderjähriger, und daß, wer auspackt, es tue, weil er selber zu kurz gekommen ist und die Welt diesbezüglich verbessern will.

James (just call me Jim) Watson, im zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren Entdecker der molekularen Struktur und Funktion der Erbsubstanz und derzeit Harvard-Professor der Molekulargenetik, hat indessen nur zum Spaß ausgepackt, und das ist ihm denn auch besonders übelgenommen worden. Watsons Buch kommt relativ spät auf den deutschen Markt, denn natürlich nahm jedermann dieses Opus zunächst unbesehen für die feuilletonistisch verkleideten Auslassungen eines Naturwissenschaftlers über seine Entdeckungen, und solches steht vor allem beim deutschen Bildungsbürger nicht hoch im Kurs. Auch der von Rowohlt um ein deutsches Vorwort gebetene Professor Heinz Haber sieht hierin noch in aller Unschuld die wesentlichste Bedeutung des Watsonschen Buches und gibt sich daher rührend bemüht, im Vorwort dem Publikum diese Entdeckung noch einmal und besser zu erklären, als der Entdecker selber dies könnte. Der ganze Unterschied zwischen den angelsächsischen Akteuren und den deutschen Zaungästen der Molekularbiologie springt einem daher schon im Vergleich dieses Vorwortes mit dem Originalvorwort von Sir Lawrence Bragg entgegen, welches Rowohlt immerhin abdruckt, jedoch ohne es im Titel zu erwähnen – denn was ist Bragg auch schon mehr als ein Pionier der Röntgenographie. Was tut’s, auch Watson kannte die Braggschen Regeln nicht, bevor er nach Cambridge kam.