Seit Monaten stagnieren die deutschen Aktienkurse. Bewegungen gibt es nur in Spezialpapieren, bei denen Sondersituationen vorliegen. Dabei muß man sich vor Augen halten, daß die Gewinne der meisten Unternehmen in diesem Jahr weiter steigen werden, allerdings nicht mehr im gleichen Tempo wie 1968. Viele Betriebe, deren Kapazitäten bislang noch Reserven boten, arbeiten wieder voll. Arbeitskräfte sind knapp geworden – und deshalb auch teurer. Hinzu kommen in diesem Jahr Tariferhöhungen, die um 7 Prozent liegen werden. Ihnen sind die Belastungen zuzurechnen, die aus der Lohnfortzahlung für Arbeiter im Krankheitsfall entstehen sowie aus den Veränderungen, die sich bei den Angestellten in bezug auf die Krankenversicherung ergeben werden. Zu verkraften sind obendrein die Belastungen, die der Wirtschaft mit dem sogenannten außenwirtschaftlichen Absicherungsgesetz (vierprozentige Exportverteuerung und vierprozentige Importverbilligung) auferlegt worden sind.

Noch ist es nicht gelungen, die Mehrbelastungen auf die Preise abzuwälzen. Zur Zeit wird der Markt aber bereits vorsichtig abgetastet. Mit welchem Erfolg, werden wir in der zweiten Jahreshälfte sehen. Bundesbank und Bundesregierung steuern dieser Politik entgegen, indem sie die ersten milden Bremsversuche eingeleitet haben.

Daher ist es kein Wunder, meine verehrten Leser, wenn die Anlageteams der Banken, der Investmentfonds sowie der Versicherungen heute mehr auf die Gewinnaussichten des Jahres 1970 als auf die des laufenden Jahres sehen. Diese wiederum sind eng verknüpft mit der Entwicklung der internationalen Währungsparitäten. Daß es auch bei uns sehr unterschiedliche Auffassungen über die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit einer Aufwertung der Mark gibt, mögen Sie allein schon daraus erkennen, daß es der Bundeskanzler erst kürzlich wieder für erforderlich hielt zu erklären, daß während seiner sich dem Ende zuneigenden Amtsperiode keine Aufwertung der Mark stattfinden wird.

Über welche Größenordnungen inzwischen bereits debattiert wird, mögen sie aus den Worten eines der Sprecher der Deutschen Bank, Franz Heinrich Ulrich, entnehmen: "Wenn die Aufwertung nutzen soll, müßte sie 10 Prozent und mehr ausmachen. Und das würde unseren Export erschlagen!"

Zu allen Fragezeichen, die sich aus der auf vollen Touren laufenden Konjunktur und aus den ersten Bremsmaßnahmen ergeben, tritt als Belastung für die Börse noch die internationale Zinsentwicklung hinzu. Der Sechsprozenter ist innerhalb kurzer Frist gestorben, nunmehr wird hart um den 6 1/2-Prozenter gerungen. Ob erfolgreich, steht noch keineswegs fest. Schließlich werden heute schon auf Mark lautende Auslandsanleihen aufgelegt, die eine Rendite von 7,7 Prozent bieten. Es wäre naiv zu glauben, die Bundesrepublik könnte auf die Dauer eine Zinsoase sein. Höhere Zinsen werden, sich auf die Aktienkurse zwangsläufig belastend auswirken.

Soll man unter diesen Umständen noch deutsche Aktien kaufen? Oder sie lieber verkaufen? Die Antwort auf solche Fragen ließe sich leichter finden, wenn es eine annehmbare Alternative geben würde. Die ganz Vorsichtigen, welche die Entwicklung bei uns schon seit dem vergangenen Frühjahr richtig vorausgesehen haben, sind mit den Konsequenzen, die sie gezogen haben, nicht besonders froh geworden. Sie sind zu einem großen Teil auf amerikanische Aktien ausgewichen und – wenn sie nicht besonderes Glück mit einzelnen Papieren hatten – in den allgemeinen Abwärtsstrudel von Wall Street hineingeraten. An den deutschen Börsen hätten sie zwar nicht sonderlich viel verdient, aber doch wenigstens nichts verloren. Gute Erfolge ließen sich in letzter Zeit in Kanada und Japan erzielen. Aber das sind beides Märkte, auf denen man sich vernünftigerweise "nicht mit dem vollen Geld" bewegen sollte.

Was kann nun der deutsche Anleger tun, um seine in den letzten beiden Jahren erzielten Kurserfolge zu sichern und sie vielleicht noch auszubauen? Zunächst einmal – so glaube ich – sind überstürzte Entschlüsse nicht notwendig. Das deutsche Kursniveau ist im Gegensatz zur ersten großen deutschen Aktienhausse diesmal nicht überhitzt, sondern, wenn man sich die Kurse der meisten deutschen Standardaktien ansieht, international durchaus tragfähig. Bei vielen Papieren ergibt sich ein Kurs-/Gewinnverhältnis von 15, während 16 bis 17 noch angemessen wäre. Vielfach kommen die Gewinnsteigerungen dieses Jahres noch nicht in den Kursen zum Ausdruck – wegen der eingangs erörterten Fragezeichen.