Gerhard Fritsch ist 45 Jahre alt geworden. Kein Alter für einen spektakulären Abgang. Zu alt, um Jugend noch als Ware zu verkaufen. Verkaufen konnte er sich überhaupt schlecht. Und das ist nicht nur andern zum Vorwurf zu machen, sondern auch den unnötigen Schwierigkeiten, die er dem eigenen Talent bereitete. Auf Selbstinszenierungen verstand er sich nicht. Er tat nichts, was der kulturkonsumierenden Elite, die Sartre eine "Bande" nennt, Konsumbedürfnisse hätte befriedigen können. Er zog sich nicht öffentlich aus, er "fraß nicht die weiße Chinesin". Es gelang ihm. nicht, den Erfolg zu suchen, wo man ihn gratis bekommt: Von Galerie zu Galerie... Bei einer Lesung in Wien sah ich fast nur alte Leute, und die gingen nach einer Weile empört hinaus.

Im Waschzettel seines zweiten Romans "Fasching" steht: "Hier wird weder im ‚Inneren Reich‘ der Sprache gesellschaftliche Ohnmacht verklärt noch aus Ausdrucksarmut flüchtiges realistisches Kapital geschlagen." Das klingt hübsch, aber die negative Definition beschreibt zugleich die erschwerten Bedingungen seines Talents: Man muß unter bestimmten Bedingungen ziemlich lange warten, bis sich einem die richtigen Probleme richtig stellen. Fritsch, glaube ich, litt an den falschen Problemen. Ein Problem waren ihm. zum Beispiel die österreichischen Verhältnisse. Er bemühte sich, ein Milieu realistisch zu differenzieren, dem der Opportunismus längst zur existenziellen Bedingung geworden war. Er lebte und schrieb, hoffnungslos engagiert – als ob er in einer veränderbaren Gesellschaft lebte – über Verhältnisse, denen gegenüber sich seine jüngeren und erfolgreicheren Wiener Kollegen längst in die Anarchie des schwarzen Humors und der experimentellen Posse zurückgezogen hatten.

Fritsch kam von der KPÖ her, und im Gespräch mit ihm begriff ich, daß und warum Wien eine arme Stadt ist voller powerer Proleten rund um die "Burg". Er zeigte mir den Puff der Erzherzöge und die Gedenktafel für den Oberfeuerwerker Pollet am Michaelerplatz, um die vor einigen Jahren noch "Schwarze" und "Rote" erbittert stritten: denn schließlich hatte sich Pollet im März 48 geweigert, auf die Volksmenge zu schießen. Mir wurde klar, daß man dortzulande kaum anders denn als Anarchist, Hochstapler oder Parasit leben kann. Wie Karajan; oder Ossi Wiener. Fritsch indessen wollte als Bürger leben, in einer kleinen Neubauwohnung in Wiener Feld, zwischen Büchern, mit Frau und Kind. Er versuchte, sich einem Bürgertum anzupassen, das es nicht mehr gab und sicherlich auch nie gegeben hat. Der Held von "Fasching", Felix Golub, geht an Anpassung zugrunde. Es gibt Verhältnisse, die so kaputt sind, daß man sie kaputtschlagen muß, eh sie einen selbst kaputtmachen. Fritsch wollte sich mit ihnen auseinandersetzen. So mochten ihn weder Bürger noch Boheme recht zu sich zählen. Den Anlaß seines schrecklichen, sinnlosen Todes kenne ich nicht, er interessiert mich auch nicht, denn er verschleiert nur die Gründe, das heißt die Menschen, die die Gesellschaft täglich machen, in der Fritsch nicht mehr leben konnte und wollte.

Hermann Piwitt