Zweierlei kann man Anni M. G. Schmidt bescheinigen: daß sie Einfälle hat und daß sie mit sicherer Selbstverständlichkeit jedes Märchenmotiv aus der Moderne in den Griff nimmt, verwandelt, komisch relativiert, gelegentlich auch verjuxt oder mit gesellschaftskritischen Akzenten einsetzt. Moderne Kunstmärchen sind es, die sie schreibt –

Annie M. G. Schmidt: "Hexen und so...", aus dem Holländischen von Anna Valeton, illustriert von Carl Hollander; Oetinger Verlag, Hamburg; 111 S., 12,80 DM.

Ein Prinzeßchen verwandelt sich in eine Drossel und fliegt davon; ein junger Mann erbt eine Streichholzschachtel, in die man sich alles mögliche hineinwünschen kann; durch ein Kühlhaus gerät ein Friseur ins Reich der tiefgekühlten Damen (die Erwählte schmilzt ihm freilich später dahin); eine himmlische Trompete fällt auf die Erde; ein Bürgermeister wird in eine Maus verwandelt, um einzusehen, daß man nicht mir nichts dir nichts das Häuschen der Jungfer Bock abreißen lassen darf – Annie Schmidt kennt unsere Jux- und Hexenkonsumenten und stellt sich mit ihrem resoluten Dialog auf den Ton einer flotten Kinderstube von heute ein.

Walter Scherf