Allem Anschein nach soll es zwischen dem 6. und 10. Juni bei der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Warschau dem alpinen Skisport "olympisch" an den Kragen gehen. Eine Kommission, bestehend aus von Frenckell (Finnland), Großherzog Jean von Luxemburg, Siparco (Rumänien) und Staubo (Norwegen), ist unter dem Vorsitz des Holländers van Karnebeek dabei, die Messer zu wetzen, und zwar im Sinne des IOC-Präsidenten Brundage, der öffentlich erklärte, der Internationale Skiverband (FIS) hätte ihn in Sachen alpine Skifahrer betrogen und belogen. In der Patsche sitzt vor allem dessen Präsident, der Schweizer Marc Hodler, gleichzeitig Mitglied des IOC. In dieser Position ist er satzungsgemäß verpflichtet, für die IOC-Regel 26 einzutreten, deren Inhalt (olympisches Amateurstatut) nicht nur für die alpine Spitzenklasse einem böhmischen Dorf gleicht. Als FIS-Präsident wiederum taktiert Hodler entgegengesetzt, das heißt er versucht den alpinen nationalen Skiverbänden gerecht zu werden, die den jetzigen bis ins Mark verlogenen Standpunkt zugunsten ihrer enorm verdienenden "Amateure" aufrecht erhalten wollen. Sie möchten beim FIS-Kongreß im Mai 1969 (Barcelona) sogar erreichen, daß der § 8 der Internationalen Wettlaufordnung den Berufs- und Fabrikfahrer als Amateur anerkennt. Namen, Titel und Bilder von Wettkämpfern dürften dann für Werbezwecke verwendet werden, unter der Voraussetzung, daß der Aktive daraus keinen Nutzen zieht. Die Gelder hätten an die nationalen Verbände zu gehen, damit sie Trainingskosten, Verdienstentgang und so weiter ihrer Spitzenklasse begleichen könnten.

Dieser Humbug – auch durch den Umweg über die Verbände miserabel getarnt hat schwerlich Aussicht, olympische Anerkennung zu finden. Sollten aber die alpinen Wettbewerbe fallen, könnten auch die nordischen Konkurrenzen mit in den Strudel gerissen werden; So wie dies schon einmal 1936 im Hinblick auf die durch den Zweiten Weltkrieg ausgefallenen Spiele 1940 in Garmisch-Partenkirchen der Fall gewesen ist. Wenn auch aus gänzlich anderen Gründen. Für die Zukunft bleibt auch die Frage offen, wie sich die "alpin" nicht interessierten Verbände verhalten werden. Sie möchten ihren Läufern, Springern und Kombinierten auf alle Fälle die olympische Beteiligung weiterhin ermöglichen.

Ein nicht gangbarer Ausweg wäre, die FIS in einen alpinen, also bösen, und in einen nordischen, also braven Verband zu trennen. Ins Fäustchen lachen können sich bei diesem Wirrwarr die Vertreter der Oststaaten. Bei ihnen gibt es nur einen Amateur, nämlich den bezahlten und prämienbedachten unter staatlicher Obhut.

Dazu kommt, daß Sapporo die Winterspiele 1972 im guten Glauben mit vollem Skiprogramm übernahm. So wäre ein Kompromiß möglich, daß der alpine Sportschwindel olympisch bis dahin noch erhalten bleibt und vielleicht erst anschließend tabula rasa gemacht wird. Für diesen Fall sagte Walter Waizer, österreichisches Mitglied des FIS-Vorstandes: "Es geht einzig und allein um die Frage, ob es in Zukunft Olympische Winterspiele mit Skilauf noch geben wird. Dann aber müßte man billigerweise auch Eishockey und Eiskunstlauf streichen. Was bliebe ,winterlich‘ dann noch übrig?" Und vom Sommer wollen wir lieber gar nicht sprechen. Walter Koenig