Von Jean Amery

Dem ausländischen Zufallsbesucher des unweit von Antwerpen gelegenen flämischen Städtchens Geel mag vielleicht ein zur Vorsicht mahnendes Verkehrszeichen auffallen, unter dem erklärend die flämischen Worte "Gezinsverpfleging" stehen.

Erklärend? Das ist zuviel gesagt, denn der Gast, von dem wir annehmen wollen, daß er das Flämische beherrscht und also weiß, daß die Aufschrift mit "Familienverpflegung" zu übersetzen ist, zerbricht sich gewiß vergebens den Kopf über den Sinn des Textes. Familien Verpflegung? Gut, und was weiter? Familien verpflegen sich immer und überall. Merkwürdig!

Der Belgier freilich weiß genau, worum es sich handelt. Das Wort "Gezinsverpfleging" bezieht sich darauf, daß in Geel geistesgestörte Patienten bei Dorfbewohnern in der Familie untergebracht sind: Das ist hinlänglich bekannt im Lande, und den Flandern sagt man gelegentlich: "Du gehörst nach Geel", wenn man dem anderen zu verstehen geben will, daß man ihn für närrisch hält.

Der Landesbewohner wundert sich dann auch nicht, wenn er in dem Dorf Männern und Frauen von bizarrem Äußeren und Gehaben begegnet, wenn beispielsweise ein Mann plötzlich auf eigene Hand den Verkehrspolizisten spielt oder eine Frau heftig gestikulierend ein lautes Selbstgespräch führt. Er weiß, daß in Geel von zehn Einwohnern einer ein Patient ist. Er ist es gewohnt, den Kranken in den Geschäften zu begegnen, im Gasthaus, am Sportplatz, ja sogar im Kino. Und er kennt meist auch die Geschichte dieses Ortes, an dem in einzigartiger Weise die Freiheit des Kranken das wichtigste Element der Therapie ist.

Die Tradition der Irrenwartung in Geel, deren historischer Beginn im 12. Jahrhundert verbürgt ist, geht auf eine noch viel tiefer in der Zeit liegende Legende zurück.

Im sechsten Jahrhundert, so wird erzählt, wurde ein heidnischer König in Irland von widernatürlicher Liebe zu seiner schönen Tochter Dymphna gepackt. Aber, wie es in der "Braut von Korinth" heißt, "sie war schon Christin und getauft", und sie weigerte sich, dem sündigen Drängen des Vaters nachzugeben, so hartnäckig, daß sie schließlich mit ihrem Beichtiger auf einem Segelschiff übers Meer flüchten mußte.