DIE ZEIT

Bilanz nach einem Jahr

Als im vorigen Jahr, am Donnerstag vor Ostern, der SDS-Führer Rudi Dutschke von drei Kugeln getroffen auf dem Kurfürstendamm zusammenbrach, hielt das ganze Land den Atem an: Politischer Mord als Mittel der Auseinandersetzung, Haß und Gewalt als einander treibende Kräfte, Radikalismus faschistischer und kommunistischer Prägung – all das erschien plötzlich als Zeichen an der Wand.

Das Recht am eigenen Tod

Das britische Oberhaus verschaffte sich einen großen Tag, als es scharfsinnig und nicht ohne dramatische Töne in der Woche vor Palmsonntag eine Gesetzesvorlage diskutierte, die es den Ärzten erlauben sollte, unheilbar Kranke und leidende Alte zu töten.

Ordnung ist noch nicht Ruhe

Nur knapp acht Wochen haben die Länder gebraucht, um sich auf einen Staatsvertrag über das neue Ordnungsrecht zu einigen, mit dem die Universitäten aufsässigen Studenten beikommen wollen.

Der unwillkommene Reformer

Wenn seine Reformwünsche in Gefahr seien, so ließ Kurt Gscheidle vom Krankenbett aus wissen, wo er die Folgen seines "unbedachten Barbesuchs" am Stuttgarter Platz in Berlin auskurierte, werde er seine Kandidatur zurückziehen.

ZEITSPIEGEL

In Garmisch-Partenkirchen wurde vom Senat der Bayerischen Staatspartei ein neuer Schutzkorpsleiter auf weiß-blauen Gehorsam vergattert.

Zwei Damen für den Dichter

Er sagte, er sei der Schriftsteller Solschenizyn. Die Kellner im Moskauer "Slawjanskij-Bazar" setzten sich beflissen in Trab, die Gäste in der Nachbarschaft steckten die Köpfe zusammen.

Rätselraten um den Wähler

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl werden alle erreichbaren Anhaltspunkte genau daraufhin untersucht, ob sie Prognosen für das Abschneiden der Parteien im Herbst erlauben.

Feldherr und Friedenspräsident

Warum war Dwight D. Eisenhower einer der wenigen Menschen dieses Jahrhunderts, die schon zu Lebzeiten fast allseitige Verehrung geflossen? Denen nur in ganz wenigen Ausnahmefällen Feindschaft, Polemik oder Haß entgegenschlug? Feldmarschall Montgomery, der alte britische Waffengefährte aus den Tagen der Schlacht um Europa, der die militärischen Führungseigenschaften Eisenhowers gewiß nicht allzu hoch schätzte, hat es mit einem Satz umrissen: "Wenn er einen anlächelte, war es unmöglich, ihm etwas abzuschlagen.

Das verdorbene Freudenfest

Nur Dubčeks Feinde konnten wünschen, was ihm die Gefühlsausbrüche unbesonnener Freunde und der Schwachsinn einiger Krimineller, offensichtlich angestiftet und provoziert von Linksextremisten verschiedener Spielart, angetan haben.

Nippon in Sibirien

An den fernöstlichen Gebieten der Sowjetunion zeigen sich nicht nur die Chinesen interessiert. Auch die Japaner, deren enorm expandierender Industriestaat dicht vor der sowjetischen Pazifikküste liegt, haben sich dort stark engagiert.

Ölzweig statt Nuklearschwert

Während Anzeichen dafür vorliegen, daß es die Chinesen im Streit um die Damanskij-Insel auf eine Kraftprobe ankommen lassen wollen, hat Moskau am letzten Wochenende eine verhältnismäßig moderate Note an die Pekinger Adresse geschickt.

Aufschwung zur Spitze

Der Oberkommandierende der pakistanischen Armee, General Yahya Khan, der seit dem Rücktritt Präsident Ayub Khans und der Proklamierung des Kriegsrechts in Pakistan unumschränkt regiert, hat sich am Montagabend selbst zum.

Zwist um die Anerkennung

In den Kulissen – in Rundfunkinterviews und Zeitungsartikeln, auf Landes- und Bezirksparteitagen der SPD und der FDP – wurde ein anderes Thema diskutiert: Die Anerkennung der DDR und der Status Westberlins (vergleiche "Dokumente der Zeit").

Dokumente der ZEIT

a) Die Herstellung normaler Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR als gleichberechtigte, souveräne Staaten deutscher Nation.

Moskau bot Peking Verhandlungen an

Westliche Korrespondenten sehen in Moskaus Offerte an Peking den Versuch, sich gegenüber der am 5. Juni beginnenden KP-Weltkonferenz und für den Fall ein Alibi zu verschaffen, daß neue Grenzzwischenfälle eine harte Antwort der Sowjets herausfordern sollten.

Podgorny in Algier

Die algerische Reise des sowjetischen Staatspräsidenten Podgorny mit einer Suite von 60 Begleitern beweist von neuem das Interesse, das die Sowjetunion für Nordafrika und vor allem für Algerien hegt.

Die hilflosen Großmächte

In Anlehnung an den sowjetischen Nahost-Friedensplan vom Januar hat Präsident Nixon einen eigenen Neun-Punkte-Vorschlag unterbreitet, dem die anderen Großmächte bereits zugestimmt haben.

Dem Marschall folgt der General

Die Revolution in Pakistan ist zu Ende. Das Establishment hat auf der ganzen Linie gesiegt. Fünf Tage nachdem General Yahya Khan das Kriegsrecht verhängt hatte, ernannte er sich selbst zum Präsidenten und Nachfolger Ayub Khans.

Waffen oder Wähler

Es war eine Reise der unguten Gefühls. Premierminister Wilson flog nach Lagos und Addis Abeba zu einem Zeitpunkt, da die offene Rebellion seines alten Rivalen James Callaghan gegen die Kabinettspolitik in Sachen Gewerkschaftsreform seine Anwesenheit in London dringend erfordert hätte.

Ist Minigolf ein Sport?

Von einem Wendepunkt der Rechtsprechung ist zu berichten, er kommt aus dem Bundesverwaltungsgericht. Zur Saison gerade noch rechtzeitig steht endlich rechtskräftig fest, daß Minigolf "überwiegend Vergnügen" bereitet.

Das Geschäft mit den Alten

Im Saal wird es ruhig. Die Kaffeetassen und Kuchenteller sind beiseite geräumt. Die Liederbücher bleiben auf den Tischen liegen.

Auf die ungewaschenen Pfoten

Vor einem halben Jahr", reflektierte Adolf von Thadden auf dem Jugendkongreß der NPD am letzten Sonntag in Stuttgart, "kamen Schulräte der SPD in Berlin auf die Idee, eine große Umfrage zu machen.

"Kampf gegen ein Jauchefaß"

Aus einem altdeutschen Rahmen blickt ein Opa mit Kaiser-Wilhelm-Bart und randloser Brille. Er lächelt sanftmütig. "Das ist Monsignore Reichenberger, der Schirmherr der Sudetendeutschen", flüstert eine Bürodame.

Karajans Siegfried

Salzburg ist in diesen Tagen wieder Treffpunkt: Herbert von Karajan veranstaltet zum drittenmal seine Osterfestspiele. Als Eröffnungsvorstellung lief am vergangenen Sonntag der neuinszenierte "Siegfried", eine konsequente Fortsetzung der mit "Rheingold" und "Walküre" begonnenen Konzeption.

Siebzig Stunden Filmstrapazen

Das Oberhausener Festival ist wie ein orientalischer Bazar: eine bunte Menge, jeder bietet an und lobt, was er hat, jeder wählt aus, was er will, kunstvoll bestickte Teppiche neben seltsamen Gegenständen, von denen der Verkäufer selber nicht weiß, wozu sie gut sein könnten.

Oberammergau am Rhein

Die Idee muß jemandem in einer ganz besonders schwachen Stunde gekommen sein. Zugegeben: ein Opernintendant kann es satt haben, zur Karwoche den religiösen Empfindungen eines Teils seines Publikums mit Wagners "Parsifal" nachzugeben.

Tasso ein Clown?

Der Spielleiter und vier seiner fünf Darsteller hatten den Dampf möglicher Entrüstung schon vorher abgelassen: Bevor die Premierenbesucher in die Pause gehen durften, versuchten die Künstler, mit den Zuschauern in ein Gespräch zu kommen.

Die Revolution der Frauen

Wer in diesem Jahr 1969 in diesem Staat der Bundesrepublik Deutschland von einer Klasse der Ausgebeuteten spricht, bedarf erheblichen theoretischen Rüstzeugs, um sich den Blick auf die Wirklichkeit lukensicher zu verbauen.

Männer machen Musik

Diese betrübliche Erfahrung mußte auch Helga Hussels-Gmelin machen, eine erstklassige Geigerin, Jahrgang 1930, Frau eines Berliner Dozenten, der wider den Stachel lockt und sich daher weitherum unbeliebt gemacht hat.

Gerhard Fritsch

Gerhard Fritsch ist 45 Jahre alt geworden. Kein Alter für einen spektakulären Abgang. Zu alt, um Jugend noch als Ware zu verkaufen.

Die falsche Gleichung

Warum klingt die Formel von den "extremen Kräften rechts und links" so faul?

Aus den Hauptstädten der Welt: Paris – von Panizza bis Mauriac

Oskar Panizzas "Liebeskonzil" ist beinahe ein Skandal geworden. Blasphemie, Obszönität – ein seniler Gottvater, der krächzt und spuckt, ein kataleptischer Jesus, eine kokette Maria, dann eine Mischung aus Orgie und sakralen Handlungen, bis der Teufel die durchsichtig umhüllte und von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellte Salome mit dem Geschenk der Syphilis – eigenem Einfall und göttlichem Geheiß folgend – auf diese Wüstlinge in Rom losläßt.

Fernsehen: Der Wochenendsschwachsinn

Wer am Wochenende fernsieht, hat selber schuld, da rächen sich Programmdirektoren für eine harte Fünftagewoche und schmeißen, Allensbach im Rücken, dem Publikum jene geballte Ladung Schwachsinn ins Wohnzimmer, für die sie selber dann ja dienstfrei haben.

An der Figur des Juden Shylock in Shakespeares "Kaufmann von Venedig" hat sich die Antisemitismus-Diskussion immer entzündet. Auch das Deutsche Fernsehen (WDR Köln) versuchte sich an einer solchen Diskussion im Anschluß an die von ihm gesendete deutsch-österreichische Gemeinschaftsproduktion des Shakespeare-Dramas, mit Fritz Kortner in der Rolle des Shylock.: Die Bosheit des Juden - historisch gesehen

Der Fernsehfilm über den "Kaufmann von Venedig" hat in manchen Kreisen hohe Wellen der Aufregung geschlagen. Man kann nicht ohne weiteres sich damit abfinden, daß hierzulande wieder ein Stück gezeigt wird das als die Urquelle des literarischen Antisemitismus angesehen wird.

FILMTIPS

"Die Chronik der Anna Magdalena Bach", von Jean-Marie Straub. "Kelek", von Werner Nekes. "Schande", von Ingmar Bergman. "Gertrud", von Carl Th.

X-mal Anti-Form

Während die Abgearbeiteten und die Angereisten sich bei Schweinebauch, Bier und Beat erquickten, kehrte der Hausmeister einen Eimer Dreck zusammen: Erbsen, Bohnen, Kippen, Watte, Zement, Mehl, Gips.

Kunstkalender

300 Blätter, eine Auswahl aus dem eigenen Bestand, kein anderes deutsches Museum könnte die französische Zeichnung des 19. Jahrhunderts so umfassend dokumentieren.

ZEITMOSAIK

Wenn die Hoffnung sich an so zerbrechliche Zweige klammert wie eine angebliche "menschliche Natur", die ausschließlich aus Zärtlichkeit und Güte besteht, wenn sie als Voraussetzung für ihre Verwirklichung die Zerstörung und die Tyrannei fordert, ist sie keine Hoffnung mehr.

Tagespresse überflüssig

Ich bin ein Zeitungsmuffel. Ich lese keine Tageszeitung. Tageszeitungen sind überflüssige Zeitfresser. Seit vier Jahren sorgt man sich darum, wie man den Herrn Bundespräsidenten los wird – er war noch lange da; seit zwei Jahren wird Springer enteignet – er ist immer noch da; seit sieben Jahren – aber wozu? Jeder verlängere die Liste nach Belieben.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Am 19. Dezember wird Paul Dessau 75 Jahre alt – seine Oper "Puntila", vor drei Jahren uraufgeführt, ist noch immer eines der am weitesten sich vorwagenden und – aber nicht nur darum – wichtigsten Stücke neuer Musik in der DDR.

Der neue Glaube

Die folgenden Gespräche haben niemals stattgefunden. Es sind erdachte Dialoge, in denen zwei geistige Positionen herausgearbeitet werden sollen.

Rückkehr zur Realität

Kultusminister beseitigt studentische Aggressionsstauungen – Gruppentherapie im Auditorium maximum. Die Überschrift würde den Sachverhalt treffen.

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