Salzburg ist in diesen Tagen wieder Treffpunkt: Herbert von Karajan veranstaltet zum drittenmal seine Osterfestspiele. Als Eröffnungsvorstellung lief am vergangenen Sonntag der neuinszenierte "Siegfried", eine konsequente Fortsetzung der mit "Rheingold" und "Walküre" begonnenen Konzeption.

Es gibt keinen Zweifel, das Salzburger Team ist aufeinander eingespielt, in drei kurzen Proben-Wochen entstand ein Ostermärchen von Jung-Siegfried, das seine Höhepunkte aus subtiler kammermusikalischer Entfaltung gewinnt und das frei ist von Pathos und Schwulst.

Karajans Bühnenbildner Günter Schneider-Siemssen schuf dazu die optischen Voraussetzungen: Von einer eher naturalistischen Schmiede, die in ihrer gedrungenen horizontalen Komposition an Hundings Höhle erinnert, führt er den Zuschauer in einen vertikal hochstrebenden Märchenwald. Die schon in "Rheingold" und "Walküre" benutzte, dort in der Mitte aufgerissene "Ring"-Ellipse bleibt symbolisches und dramaturgisches Gerüst, sie ist jetzt hochgeklappt, wurde sozusagen das Dach der Welt: ein in Natur aufgelöstes Symbol.

Mittelpunkt des Bildes ist weiter die gespaltene Weltesche der "Walküre", aus deren kraterförmigem Grund jetzt der Lindwurm hervorquillt. Die Szene Alberich-Wanderer spielt noch in einer grauen Welt, erst mit Siegfrieds Auftritt belebt sich die Natur. Für den dritten Akt dann werden die Elemente der "Walküre" erneut in leicht veränderter Grundrißstellung verwendet: Erda erscheint in der zerrissenen, zerklüfteten Ellipse, die sich erst nach Siegfrieds Sieg zu der Einheit des Walküre-Felsens zusammenfügt.

Karajans Personen-Regie erschöpft sich in einem mehr oder weniger geschmackvollen Arrangement. Dramatik, Spannung und Steigerung hat er von der Bühne in den Orchesterraum verlegt, und dort steht ihm halt in den Berliner Philharmonikern ein konkurrenzloser Klangkörper zur Verfügung – die konventionellen Gesten der Sänger können da kaum viel beeinträchtigen. Zoltan Kelemen als Alberich und vor allen anderen Gerhard Stolze als Mime bringen zudem so viel eigene Intuition und Erfahrung mit, daß ihre Szene nach dem Drachenkampf zum fesselnden Höhepunkt der Aufführung wird.

Daß eine adäquate Siegfried-Besetzung momentan schwerlich zu finden ist, ist kein Geheimnis, und gerade deshalb ist Karajans Versuch, eine neue Sängergeneration für Wagner zu finden, über diese Osterfestspiele hinaus von Bedeutung. Jess Thomas als Siegfried bewies im zweiten Akt, daß man in Zukunft auf ihn zählen kann; lyrischer und inniger könnte kein Siegfried im Waldweben sein. Eine echte Wagner-Entdeckung ist die Wienerin Helga Dernesch; mit makelloser, reiner Stimme und persönlicher Ausstrahlung setzte sie mit Erwachen und Liebesgruß einen strahlenden Schlußpunkt.

Barbara Knölke