Von Dietrich Strothmann

Wolfsburg, Ende März

Diese Stadt war immer eine Ausnahme. Sie war einmal Adolf Hitlers liebstes Kind, mit dem Beinamen "Kraft-durch-Freude-Stadt". Heute, mit 90 000 Einwohnern, über 5000 italienischen Gastarbeitern und einem jährlichen Zuwachs von 3000 Menschen, heißt sie einfach "Volkswagenstadt Wolfsburg" – benannt nach dem "Käfer"-Werk und dem Schlößchen.

Diese "Göldgräberstadt" liegt nur 12 Kilometer vom Stacheldraht und knapp 90 Kilometer von Magdeburg entfernt. Aber davon, von der Nähe des anderen Deutschland, ist wenig zu spüren: Das harte Wort "Zonenrandgebiet" hat hier keinen Klang. Daß dennoch nicht, allem Wohlstand und aller Betriebsamkeit zum Trotz, vergessen wird, wo Wolfsburg liegt, hat sich ein junger Pastor zum Ziel gesetzt. Auch er ist ein Sonderfall.

Rudolf Dohrmann, 37 Jahre alt, betreibt als einziger evangelischer Pfarrer in der Bundesrepublik zusammen mit einem Laien-Team Industrie-Diakonie. Und er tut dies nicht zum Lobe Gottes allein. Er ist auch ein Arbeiter im Weinberg der Politik. Das wäre ihm, vor sechs Jahren, schon einmal fast teuer zu stehen gekommen. Da Dohrmann häufig in die DDR reist, allein oder mit seiner Gruppe, privat oder zu Kongressen, wurde er 1963 "zersetzender Propaganda" bezichtigt. Seine Wohnung wurde durchsucht, Unterlagen beschlagnahmt, er selber zehn Stunden lang verhört.

Doch der Vorwurf erwies sich als unbegründet, das Verfahren wurde eingestellt. Es gab keinen "roten Agenten-Pastor" Dohrmann. Seit einem Jahr ist er SPD-Stadtrat in Wolfsburg. Von seinem Willen freilich, über die Grenze hinweg als politischer Aufklärer zu wirken, hat er nicht abgelassen. Er arrangierte jetzt die erste "Woche der DDR" auf bundesrepublikanischem Boden. Und diesmal widerfuhr ihm nichts. Diesmal hatte der neue Chef der Verfassungsschutzstelle bei ihm sogar einen Antrittsbesuch gemacht.

Den Auftritt von Rednern aus der DDR, einem Volkskammerabgeordneten, einem Gesellschaftswissenschaftler, einem Ingenieur, einer Pädagogin, von Schriftstellern und Theaterleuten, nahmen dem couragierten Pastor nur ein paar Leserbriefschreiber übel. Ein "SBZ-Flüchtling" mokierte sich: "Auch würden wohl nicht viele Tränen fließen, wenn Herr Dohrmann das Wiederkommen vergessen würde. Einem Geistlichen würde es besser anstehen, wenn er hier eine Woche der Flüchtlinge und Vertriebenen veranstalten und sich dabei an Gottes Wort halten würde." Heftigere Kritik gab es diesmal nicht. Es kam sogar zum Wochenende zu einem inoffiziellen Treffen der Besucher aus Ostberlin und Magdeburg, mit Vertretern der Wolfsburger Stadtverwaltung, zwecks Intensivierung der Kontakte.