Von Costa von Uexküll

Georg Schmige: "Das bundesdeutsche Kartenhaus"; Holsten-Verlag, Hamburg 1969; 170 Seiten; 9,80 DM

Um es in aller Voreingenommenheit vorwegzunehmen – an diesem Buch stimmt eigentlich nur eines nicht: der Titel. Denn, um ein Kartenhaus zum Einstürzen zu bringen, genügt erfahrungsgemäß ein Lufthauch oder ein Antippen mit dem Finger. Aber das Haus, das Schmige meint und das Konrad Adenauer gebaut hat, ist zum Verzweifeln solide. Wie oft hörte man nicht in den vergangenen Jahren den Stoßseufzer: Ach, wäre dieses "Haus" doch etwas mobiler! Seit Beginn der Großen Koalition steht es offensichtlich unter Denkmalschutz. Man könnte auch sagen: Staatsschutz, Notstandsschutz und vielleicht demnächst auch Vorbeugeschutz: "Das Berühren dieses Hauses ist streng verboten!"

Das Verbot gilt nicht nur für revolutionäre Hausumstürzler, echte (gibt es sie überhaupt?) und vermeintliche, sondern für alle, die ein bißchen mehr wollen als bloße Schönheitsreparaturen, mehr als einen Neuanstrich der Fassade mit hübschen Formeln wie "Soziale Symmetrie", "Konzertierte Aktion" oder "Neue Ostpolitik". Wer auf Schäden hinweist und Reparaturen vorschlägt, muß gleich im nächsten Satz den ganzen Bau "grundsätzlich bejahen", ja, muß sich zu ihm "bekennen". Sonst ist er eben kein Freund, sondern ein Feind des Hauses und damit – des "Staates".

Ein so abgesichertes Gebäude ist doch kein "Kartenhaus"! Wie kommt Schmige also zu seinem Titel? Strotzt die Bundesrepublik nicht gerade jetzt wieder von zum mindesten wirtschaftlichen Kraft, und erweckt sie nicht durch ihr Strotzen (und zuweilen auch Protzen) die Bewunderung (und zuweilen auch den Neid) ihrer Nachbarn?

Hier ist eine wichtige Anmerkung fällig: Schmige meint mit dem "Kartenhaus" nicht "die Bundesrepublik" in ihren zwar provisorischen, aber von niemand außer ihr selbst in Frage gestellten Grenzen, sondern er meint die laut Grundgesetz "freiheitlich demokratische Ordnung". Von dieser Ordnung sagt er: "Unsere – das ist diese hier, die bundesrepublikanische Ordnung mit ihrem besatzungsprotegierten, staatsfinanzierten, meinungsmanipulierten Parteien-Establishment, mit ihrer antikommunistischen Knüppelneurose, mit ihren moralinsauren Ehe- und Kuppeleigesetzen, mit ihren Als-ob-Grenzen im Osten und ihrer De-facto-Unterwerfung im Westen".

Aber ist diese Ordnung, dieses "Kartenhaus" weniger solide als die Bundesrepublik "als solche"? Und werden die "vom Volke gewählten Hüter dieser Ordnung" diesen feinen Unterschied zwischen der bestehenden Ordnung und dem Staat honorieren? Wird man den Staat nicht so oder so, links oder rechts, Patriot oder Staatsfeind, an den Pranger stellen?