"Wunderpost für Co-Piloten", von Dominik Steiger. Da getraut sich einer, der 1940 geboren ist, doch ganz ungeniert Geschichten zu schreiben, die zum Beispiel "Erzählung aus der Bergwelt" oder "Der Kasperl aus Wien als Handtascherlräuber in Afrika" heißen und in denen dann noch solche Sätze stehen wie "... und zum Schluß war er derartig angflaschlt, daß es den Schönen der Nacht und ihren Helfershelfern ein leichtes war, den Kasperl bis auf die Gattihose abzustieren"; oder: "...i hob neta sovü Zeit, dos i mi mit die do heastön ko, und bled dahearedn." Wien, Prag, München, in diesem Revier sind sie zu Hause, von ein paar Abstechern wie ins Land von Muhammad Ali und ins Reich der Kartonagen abgesehen, diese zweiundzwanzig Stücke, die auf eineinhalb bis sieben Seiten unglaublich verdrehte Abenteuer, Moritaten, Fabeln, Schnulzen und Romane erzählen, wie sie so verrückt nicht einmal mehr Kindern, Betrunkenen und Irren einfallen dürften. Kunstvolle Faseleien und hinterlistige Kasperliaden, in denen der Duft von Erdäpfelgulasch, Marmorgugelhupfkuchen und Backobst durch Sprach- und Phantasieräume weht, in denen die Geister von Franz Kafka, Johann Nestroy, Karl Valentin und Karl May umgehen. Steiger ist ein blitzgescheiter, pfiffiger, aberwitziger, auch kindlicher, verschrobener, melancholischer und manchmal nicht wenig böser und heimtückischer Sprachzauberer, Grammatikdresseur und Stilakrobat. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 91 S., kart., 6,– DM) Siegfried Schober

"Flippern", Roman von Martin Roda Becher. Es muß ja böse enden in dem ersten Roman des – der Name signalisiert es – zwiefachen Literatennachfahren Martin Roda Becher (24): Ein schon vom Klappentext als "nervös" und "etwas exzentrisch" avisierter junger Mann läßt sich leichtsinnigerweise auf ein Psycho-Spiel ein. Die blasse Adele soll Ihn "sachlich und Mitleidig charakterisieren, wie sie es nach seinem Hinscheiden einem Dritten gegenüber täte. Sie entpuppt sich als "Rachegöttin aller ungeschickt behüpften Frauen", fühlt sich als "Onaniermaschine" mißbraucht und sieht ihn als "riesige Kröte", "unbeweglich, glotzend, grünbraun". Gegen diese mit einer nicht nur für das Opfer fatal werdenden Eloquenz vorgetragene Attacke kann dieses sich nur schwächlich zu Wehr setzen mit Hinweisen auf seine nicht unbeträchtlichen Schwierigkeiten mit dem Leben – als da sind Kontaktmangel, Koronardefekt, eine leidige Neigung zum Eskapieren in sein "erotisches Gehirnkino"; bis ihn der Katzenjammer (hier heißt das "allumfassender, riesengroßer Überdruß") packt: "Das Spiel ist aus." Vorher jedoch muß der Leser eine Menge adjektivgesättigter Suada mit einigen

(meist mißglückten) Ausflügen ins "Bedeutende" über sich ergehen lassen. Beim Flippern kann man: ohnehin bestenfalls ein Freispiel gewinnen. (Diogenes-Verlag, Zürich; 157 S., 12,80 DM)

Rainer Zimmer

"Mätressen", von Betty Kelen. Miß Kelen hat einige europäische "Mätressen" vor dem Hintergrund der schwankenden und absackenden Monarchien des neunzehnten Jahrhunderts porträtiert, darunter weltberühmte: Lola Montez, die den Bayernkönig lächerlich machte; die als unpassende Herrscherin ermordete Draga Maschin; Katharina Schratt, den steten Gast Franz Josephs; und die niedliche Vetsera, die den todessüchtigen Kronprinzen nach Mayerling begleitet hat. Betty Kelen kommt ganz ohne das romantische Parfüm dieser Affären aus. Sie schreibt sachlich und, soweit die Umstände es zulassen, weniger ergriffen als vergnügt. Sie zeigt gegenüber; Quellen die Reserve des honorigen Historikers, aber nie auf Kosten ihres britischen Pointensinns: "Als Franz Joseph das Gerücht vernahm, Milan, prügle seine Frau, schickte er seinen Sohn ... und dessen Gemahlin ..., um Milan und Natalie zu zeigen, wie sich ein königliches Paar zu benehmen habe. Es ist nicht bekannt, ob die Ermahnungen einen mäßigenden Einfluß auf den serbischen Ehekrieg ausübten, aber es ist eine Tatsache, daß Rudolf bald nach diesem Besuch begann, Stephanie zu schlagen." (Rowohlt Verlag, Reinbek; 348 S., 24,– DM) Christa Rotzoll

"Panorama", Roman in zehn Bildern von H. G. Adler. Das Leben eines einfachen Mannes, Josef, aus Böhmen stammend, wird hier mit einer: höchst achtbaren moralischen Anstrengung vom: Autor vorgetragen und durchleuchtet, ohne daß; der Riesenteppich des Buches schon einen Roman: zeitigte. Denn weder die Kindheitserlebnisse noch das spätere Schicksal als Privatlehrer, Kulturfunktionär, Zwangsarbeiter und Häftling sind; zu einer Fabel gefügt. Die Situationen sind zwar exemplarisch und entsprechen der Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte, aber das erzählerische Präsens – und das ist im Entwicklungsroman: alten Stils kein Zufall – verleitet Adler fortwährend zur Aufzählung auch des gänzlich Unwesentlichen, zur Anhäufung nebensächlichsten Details und ausgedehnter Tagesabläufe, die unreflektiert bleiben. Die philosophischen Konklusionen gegen Ende wirken aufgesetzt. Vieles liest man berührt und eingenommen – und grübelt trotzdem über ein so klassisches Mißverständnis; des Epischen. Bei mancher ergiebigen Zustands-, Schilderung bleibt das Buch Material zu einem; Roman, der noch zu schreiben wäre. (Walter-Verlag, Olten; 580 S., 24,– DM)

Martin Gregor-Dellin

"Byzanz und der christliche Osten", von Wolfgang Fritz Volbach / Jacqueline Lafontaine-Dosogne (Band 3 der Propyläen-Kunstgeschichte). Daß die Kunst Konstantinopels in Zusammenschau mit derjenigen des gesamten christlichen Ostens gezeigt wird, ist nur zu loben. Denn, einerseits kann zwischen der byzantinischen Kunst im engen Sinn und derjenigen Bulgariens; Jugoslawiens, Rumäniens und des südlichen Rußlands kaum eine Scheidelinie gezogen werden; anderseits werden auf diese Weise Kunst weiten einbezogen, die bis dahin einem breiteren Publikum nur schwer zugänglich waren: die georgische, armenische, syrische, ägyptische, nubische und äthiopische. Zu diesem weitgespannten Programm: steht die Tatsache im Widerspruch, daß sich der Haupttext des Bandes ausschließlich mit Byzanz. im besonderen befaßt, während die Kommentare; zu den "provinziellen" Abteilungen (also auch derjenige zur russischen Kunst) in den Anhang! verwiesen sind. Des weiteren bleiben die Autoren insofern der Tradition verhaftet, als sie das brennende Problem des byzantinischen Einflusses auf Westeuropa nur am Rande behandeln. So muß das im Titel gegebene Versprechen zur Hauptsache vom Bilderteil eingelöst werden. Dort allerdings werden die Erwartungen aufs schönste und reichste erfüllt, ja übertroffen. (Propyläen Verlag, Berlin; 360 S., viele Abb., Ln. 165,– DM, Hld. 180,– DM, Subskriptions-Preis 25,– DM weniger) Manuel Gasser