Wer immer irgend etwas richtig zählt oder mißt, Dinge oder Vorgänge gleich welcher Art, gewinnt allemal objektive Erkenntnisse." Das sagt und danach richtet sich der Aachener Physikprofessor und Direktor am Institut für Plasmaphysik der Kernforschungsanlage in Jülich, Wilhelm Fucks, in einem neuen "Buch der öffentlichen Wissenschaft" –

Wilhelm Fucks: "Nach allen Regeln der Kunst"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 144 S., 16,80 DM.

Die objektiven Erkenntnisse, die Fucks zählend und messend gewonnen hat und seinen Lesern schildert, beziehen sich vornehmlich auf Dichtung und Prosaliteratur. "Nun ist das, was man findet, wenn man mißt oder zählt, natürlich noch keineswegs schon erheblich allein dadurch, daß es objektiv ist", schreibt Fucks, "es gehört mehr dazu: nämlich, wie es zum Beispiel im Patentrecht heißt, Neuheit und Erfindungshöhe. Es muß sich um Ergebnisse einfallsreichen Nachdenkens handeln und nicht lediglich um naheliegende Weiterentwicklung von schon Bekanntem."

Wollte man das Buch des Gelehrten nach diesem Kriterium beurteilen, dann müßte man ihm das Prädikat "nicht erheblich" erteilen. Denn es enthält nichts anderes als "naheliegende Weiterentwicklungen von schon Bekanntem", nämlich die Beschreibung und die Resultate von Anwendungen einfacher statistischer Methoden auf die Untersuchung von Texten.

Dennoch ist "Nach allen Regeln der Kunst" ein lehrreiches und anregendes Buch. Lehrreich ist es, weil es exemplifiziert, wie statistische Methoden, die sich in den Naturwissenschaften, in der Medizin, neuerdings auch in der Psychologie und in den Gesellschaftswissenschaften als erkenntnisfördernd erwiesen haben, sinnvoll verwendet werden können, um stilistische Eigentümlichkeiten in den Werken von Dichtern, Schriftstellern, Journalisten, Wissenschaftlern, Philosophen und Politikern zu messen.

Anregend sind die mitgeteilten Ergebnisse, die zum Nachdenken einladen: Warum ist Gräfin Dönhoff, gemessen an mittleren Satz- und Wortlängen ihrer ZEIT-Artikel, im "Physiker-Feld" angesiedelt, in unmittelbarer Nachbarschaft von Max Planck, Adenauer und Sombart, nicht allzu fern von Einstein und Augstein, jedoch weitab von Bismarck, Kästner oder Stifter? Warum sind sich hinsichtlich der Satzlänge und -schachtelung Grass und Stifter so ähnlich, Camus und Sartre so unähnlich? Warum unterscheiden sich bei der Korrelation von Längen aufeinanderfolgender Sätze Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" und Grass’ "Blechtrommel" überhaupt nicht, während zwischen Jean Pauls "Flegeljahren" und Kleists "Marquise von O" der Unterschied extrem groß ist?

Fucks beantwortet solche Fragen nicht. Er konstatiert. So stellt er fest, daß Adenauers "Erinnerungen" von derselben mathematischen Formel charakterisiert wird wie Goethes "Dichtung und Wahrheit" und Stifters "Brigitta", sofern man die Häufigkeit der Sätze als Funktion der Satzlängen in Silben je Satz betrachtet, daß sich jedoch weder Huxley in "Brave New World" noch Sartre in "Qu’est-ce que la litterature" in dieses mathematische Modell einfügen lassen.