Von Fred K. Prieberg

Seit es Orchester gibt, scheint die Tonkunst Männersache zu sein, und nur die Harfe überlassen die Herren gelegentlich großzügig einer Dame – als Alibi gewissermaßen.

Diese betrübliche Erfahrung mußte auch Helga Hussels-Gmelin machen, eine erstklassige Geigerin, Jahrgang 1930, Frau eines Berliner Dozenten, der wider den Stachel lockt und sich daher weitherum unbeliebt gemacht hat. An der künstlerischen Qualifikation von Frau Hussels besteht nicht der geringste Zweifel; im übrigen nennt sie ein 1697 datiertes Instrument Antonio Stradivaris ihr eigen. Seit sie vor zehn Jahren die Staatliche Privatmusiklehrerprüfung mit Auszeichnung bestand, hat sie auf Konzertreisen in der Bundesrepublik, Italien, Spanien, Jugoslawien, Österreich, Irland und Belgien solistische Erfahrungen gesammelt und überschwengliche Pressestimmen lesen können. Dann saß sie zwei Jahre im Schwäbischen Sinfonieorchester Reutlingen; zur Zeit steht sie der Philharmonie Nordwest in Wilhelmshaven als Konzertmeisterin vor. Eine erstaunliche Karriere, möchte man meinen, und sei es auch nur deshalb, weil den Frauen eine Laufbahn im Orchester – und zumal eine führende – immer noch verwehrt wird.

Wer es wagt, sich so gegen das Grundgesetz zu vergehen, das die Gleichstellung der Geschlechter garantiert? Es sind jene Orchester, die ihre Stellen nur „für Herren“ ausschreiben. Musik ist Männersache, ist eine letzte Domäne maskulinen Selbstbewußtseins, und die Mehrzahl der Orchestermusiker möchte, daß das so bleibt. Und so sind sie äußerst rührig im Erfinden der absurdesten Argumente gegen Musikerinnen.

Dabei klagen alle Orchester über einen bedenklichen Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. Aber man wartet auf einen Mann, denn der „verdirbt das Bild des Orchesters“ nicht... Frauen tun das bekanntlich. Also hält man die Frauen fern. Sie kommen nur auf der Probe vor, als Objekt jener kitzligen Witze, für die Musiker eine besondere Vorliebe haben.

Helga Hussels ist Berlinerin; Mann und Kind leben in Berlin. Ist es ein Wunder, daß sie eine Arbeitsstelle in Berlin finden möchte? Anfang Februar teilte der Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters, Wolfgang Stresemann, ihr bündig mit, „daß nach wie vor Damen von dem Berliner Philharmonischen Orchester nicht aufgenommen werden“. Dieses „nach wie vor“ ist entlarvend. Offene Stellen werden mit Herren aus dem Ausland besetzt. So wenig gegen diese „Gastarbeiter“ einzuwenden ist, so absurd ist die Verschleuderung der einheimischen Musikerpotenz und der Ausbildungsmittel für sie. Die Musikhochschulen bilden in den Instrumentalklassen Hunderte von beachtlichen Musikerinnen aus; zum Beispiel könnten die Streichergruppen unserer Orchester mindestens zur Hälfte mit Damen besetzt werden. Auch hervorragende Holzbläserinnen stehen zur Verfügung. Sogar das Schlagzeug hat Meisterinnen.

Dieses große Reservoir liegt ungenutzt da. Auch die Kultusminister der Länder haben das erkannt; sie beschlossen daher im Januar 1967, man möge darauf hinwirken, „daß Frauen mit entsprechender Ausbildung bei der Besetzung der Orchesterplanstellen mehr als bisher mit den männlichen Bewerbern berücksichtigt werden“. An wen diese Empfehlung auch immer adressiert war – „man“ hörte bislang wenig darauf, denn die Kultusministerkonferenz ist hierzulande ein recht unverbindliches Gremium. Da aber, wo die Kultusminister gekonnt hätten, reagierten sie nicht, etwa durch Weisungen an die Orchester, die im Wege über Subventionen mit einigem Nachdruck versehen werden könnten. Haben sie etwa die gleichen Bedenken wie der Senator für Wissenschaft und Kunst in Berlin, der am 14. Februar an Frau Hussels schrieb: