Von Alex Natan

Wer heute über Sport spricht oder schreibt, ist sich durchaus bewußt, daß er sich zu einem Massenphänomen unserer Zeit äußert, das einen erheblichen Einfluß auf das Nationalbewußtsein aller Staaten und auf das Verhalten ihrer Wettkämpfer auf den Sportplätzen ausgeübt hat. Das komplexe Problem der Strukturveränderung und Zielsetzung im Wettkampfsport ist derartig eng mit den Problemen gesellschaftlichen Veränderungen in diesem Jahrhundert verbunden, daß eine tiefenpsychologische Sozialstudie dieses Vorganges überfällig geworden ist.

Man halte sich einmal vor Augen, wie der Sportsmann, der einst nur den Gesetzen seiner freiwilligen Sportbereitschaft unterstellt war, heute von einer rücksichtslosen Unterhaltungsindustrie ausgebeutet wird, ganz gleich ob sie das Janusgesicht des Amateurs oder des Profis zeigt. Man denke einmal – Mexiko gab genügend Beispiele – an die sozialen, psychologischen und politischen Spannungen, die zwischen den Wettkämpfern und den Funktionären bestehen. Probleme wie die der Zuschauer-Identifikation mit Gewalttätigkeit und die Tendenz, nicht mehr im Sport ungehemmte Freude zu suchen, sondern politische Zweckbestimmung, wenn nicht gar selbstbeigebrachte Schmerzen, verlangen nachdenkliche und gewissenhafte Studien.

Schließlich denke man an den Profitfaktor im modernen Wettkampfsport, der einigen Wenigen zu sozialem Aufstieg und erheblichem Banckonto verhilft, während ein gewaltiger Rest, verleitet von den trügerischen Verblendungen, auf der Endstation unerfüllter Hoffnungen verkommt. Die Problematik ist endlos; ihre Behandlung setzt eine neuartige Philosophie voraus, die sich nicht scheut, dem Sport von heute jedwedes Ethos abzusprechen, ihm indessen eine zynische Moral mit auswechselbarem Boden zuschreibt.

Kurz vor den Olympischen Spielen ist in England ein Buch "War Without Weapons" (W. H. Allen, 30sh) erschienen, das den Londoner Stadtschulrat und ehemaligen Olympialäufer Christopher Chataway und den konservativen Abgeordneten Philip Goodhart zum Autor haben. Sicherlich haben sie bewußt ihre Betrachtungen vom Niedergang des Sports vor den Spielen von Mexiko erscheinen lassen, denn diesen beiden klugen Beobachtern muß es angesichts der dortigen Ereignisse und Zwischenfälle bereits im Voraus gegraut haben.

Sie haben kein gutes Buch geschrieben. Abgesehen von den vielen faktischen Fehlern besteht das Buch aus journalistischen Aufsätzen, die darunter leiden, daß der Leser nicht weiß, wer welchen geschrieben hat, und daß ihm sehr bald die Oberflächlichkeit dieser "Sittengeschichte des Wettkampfsports" auffallen muß. Beide Verfasser sind beruflich überlastet, so daß sie einfach nicht die Zeit zur Erforschung von Problemen gefunden haben, über die sehr viel Material vorliegt, das indessen über die ganze Welt verstreut ist.

Indessen soll hervorgehoben werden, daß beide Autoren unterstreichen, daß de Coubertin, der von allen denjenigen, die ihn nie gelesen haben, jedoch seinen Namen stets im Mund führen, ein Chauvinist gewesen ist, der im Sport eine Möglichkeit sah, eine in Stahlgewittern geschulte Elite zu erziehen, die Frankreich Revanche für Sedan bringen sollte. Es ist dabei interessant, wie dieser Nationalist die sportliche Pädagogik englischer Internatserziehung völlig mißverstand. Wir wollen dahingestellt sein lassen, ob die Olympischen Spiele von 1936 wirklich erst den Nationalismus im internationalen Sport erweckt haben.