Die Sowjetunion hat den Versuch unternommen, ihre leicht erschütterten Positionen auf den Vorfeldern in Ost und West wieder festzuklopfen. Am Wochenanfang

  • bot sie China eine Wiederaufnahme der Verhandlungen über eine Präzisierung des Grenzverlaufs zwischen beiden Ländern an,
  • ließ sie in Polen, der DDR und der ČSSR Frühjahrsmanöver anrollen, an denen erstmals seit dem 21. August auch wieder tschechoslowakische Truppen teilnehmen.

Westliche Korrespondenten sehen in Moskaus Offerte an Peking den Versuch, sich gegenüber der am 5. Juni beginnenden KP-Weltkonferenz und für den Fall ein Alibi zu verschaffen, daß neue Grenzzwischenfälle eine harte Antwort der Sowjets herausfordern sollten. Die Neubelebung des 1967 auf Initiative von SED-Chef Ulbricht entstandenen "Eisernen Dreiecks" zwischen Warschau, Ostberlin und Prag könnte Nebenzweck des Manövers "Frühling 69" sein, das unter polnischem Oberbefehl steht.

Wie wenig "eisern" die Verhältnisse in der Tschechoslowakei sieben Monate nach der sowjetischen Besetzung sind, zeigten erst die Ereignisse am vorigen Wochenende. Nachdem die Eishockeymannschaft der CSSR den sowjetischen Champion bei den Weltmeisterchaften in Schweden zum zweitenmal (mit 4:3 Toren) geschlagen hatte, gab sich die Nation einem Freudentaumel hin.

Auf dem Prager Wenzelsplatz versammelten sich an die 200 000 Menschen. Aus der slowakischen Hauptstadt Preßburg – meldete die Nachrichtenagentur CTK: "Tausende waren auf den Straßen ..." Es kam zu antisowjetischen Demonstrationen. "Iwan geh nach Hause, Natascha wartet auf dich", "Für August, für August", "Ussuri, Ussuri", das waren die beliebtesten Sprechchöre. In Prag wurden das Büro der sowjetischen Staats-Fluggesellschaft Aeroflot und das Reisebüro "Intourist" von der Menge gestürmt und demoliert.

Die tschechoslowakische Regierung verurteilte diese "Akte des Vandalismus" auf das schärfste. Der angerichtete Schaden wird auf mehrere Millionen Kronen geschätzt. 51 Polizisten wurden angeblich bei den Ausschreitungen verletzt. Zum erstenmal seit Monaten griff das Moskauer Parteiorgan "Pravda" wieder die Prager Führung an, namentlich den Volkskammerpräsidenten Smrkovsky. Smrkovsky dementierte Berichte, nach denen er an den Krawallen beteiligt gewesen sei.

Auch am Ussuri blieb es unruhig, die Kämpfe um die umstrittene Insel Tschenpao (russisch: Damanski) flammten immer wieder auf. Die Chinesen sollen sich, nach Berichten aus Moskau, am Flußufer eingraben und Befestigungen anlegen. Angeblich stehen die Sowjets vor der Notwendigkeit, ihre schweren Fahrzeuge und Geräte noch vor Beginn der Eisschmelze in etwa 14 Tagen von der Insel abzuziehen. Damit würde sich das Kräfteverhältnis am Ussuri zugunsten der Chinesen verschieben.

Gleichwohl läßt die sowjetische Note keinen Zweifel daran, daß eine Grenzkorrektur zugunsten Pekings nicht in Frage komme. Moskau schlägt die Wiederaufnahme der Konsultationen "in nächster Zukunft" vor und lockt vage mit besseren Handelsbeziehungen. Peking lehnte das Gesprächsangebot als "verleumderisch" ab. Die letzte sowjetisch-chinesische Gesprächsrunde hatte im Februar 1961 stattgefunden und sollte am 15. Oktober wieder aufgenommen werden – einen Tag vor Chruschtschows Sturz.