Von Helmut Salzinger

Ausgerechnet Louis-Ferdinand Céline hat sich gerühmt, mit seiner "Reise ans Ende der Nacht" den ersten "kommunistischen" Roman geschrieben zu haben. Das Buch erschien 1932. Von einer Reise in die UdSSR im Jahre 1936 jedoch kehrte Céline als erklärter Antikommunist zurück, und wenig später entdeckte er dann auch seine Sympathien für den Antisemitismus und den Faschismus, besonders für dessen deutsche Spielart. Während der deutschen Besetzung Frankreichs betätigte er sich als Kollaborateur. Dabei scheint er sich hinlänglich exponiert zu haben, denn beim Vorrücken der Alliierten setzte er sich, um seinen aufgebrachten Landsleuten nicht in die Hände zu fallen, nach Deutschland ab. Hier verbrachte er das letzte Kriegsjahr, und von diesem Aufenthalt handelt sein letzter Roman –

Louis-Ferdinand Céline: "Norden", Roman, aus dem Französischen von Werner Bökenkamp; Rowohlt Verlag, Reinbek; 380 S., 25,– DM.

Im Original erschien er 1960, ein Jahr vor dem Tod seines Verfassers.

Für die moderne französische Literatur ist Louis-Ferdinand Céline ein Fall ähnlich dem von Ezra Pound für die amerikanische. Hier wie dort geht es um das offen zutage liegende politische und moralische Versagen von bedeutenden Schriftstellern, und hier wie dort zeigt sich, wie wenig geklärt ist, wenn man diesen Autoren den durchaus zutreffenden Vorwurf des Faschismus um die Ohren schlägt. Ihre Bücher sind damit als literarische Kunstwerke nicht im mindesten widerlegt. Wem das nicht gefällt, der muß sich einen neuen Begriff von Kunst erfinden. Und solange der nicht allgemeine Gültigkeit besitzt, sollte man sich – aller Peinlichkeit ungeachtet – dieser Einsicht nicht länger verschließen: Céline ist ein Faschist gewesen und war dennoch ein großer Schriftsteller.

Das bestätigt nicht nur die erneute Lektüre seiner ersten beiden Romane "Reise ans Ende der Nacht" und "Tod auf Kredit", sondern auch die seiner letzten beiden "Von einem Schloß zum andern" und "Norden", in welchen er formal wieder an seine literarischen Anfänge anknüpft. Die gleiche stakkatoartige Sprache, vielleicht noch weiter gesteigert, das Gehämmer unvollständiger Sätze, zusammenhangloser Erinnerungsbrocken, Interjektionen, ein einziger atemlos heruntergehaspelter Monolog, versetzt mit Pariser Argot. Eine einfache Lektüre ist das nicht. Sein Stil jedoch ist Célines ganzer Stolz, und er stürzt sich in seine Sprache mit derselben monomanen Verbissenheit, mit der er sich immer wieder den eigenen einsamen Rang bestätigt.

In "Norden" beschreibt Céline, wie sein Aufenthalt in Deutschland während des letzten Kriegsjahres mehr und mehr die Züge einer Flucht annahm. Das Buch beginnt mit der Schilderung eines Simplon-Hotels in Baden-Baden, wo sich eine abenteuerliche Gesellschaft von Kollaborateuren aller Nationalitäten, von abgewirtschafteten Adeligen, Spionen, hohen Parteifunktionären und allerlei anderen undurchsichtigen Gestalten einem permanenten Karneval im Angesicht der bevorstehenden Katastrophe überlassen hat. Hier lebt Céline mit seiner Frau Lili und seiner Katze Bébert, und hier trifft er auch seinen Freund Le Vigan wieder, einen berühmten, hypersensiblen und leicht hysterischen Schauspieler, der ihn künftig auf seiner Flucht begleiten wird, denn auch er ist ein Kollaborateur. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli wird die Hotelgesellschaft auf Befehl von oben aufgelöst. Céline mit seinem Anhang wird der Reichsgesundheitskammer in Berlin zugewiesen, wo sich Professor Harras, deren Präsident und zugleich hoher SS-Offizier, seiner annehmen soll.