Von Gerhard Prause

Farbe, seit langem schon ein Instrument der Werbepsychologen, eroberte den Film, die Illustrierten, das Fernsehen, fließt längst auch in die Zeitungen. Farbe soll reizen, verführen, überzeugen. Soll erfreuen und das Wohnen noch schöner machen.

Nie zuvor gab es für den Laien so bequem zu verarbeitende Farben. Spielend leicht ist es und wirklich eine Freude, alte Möbel mit diesen neuen Farben anzumalen, die nicht tropfen und sich wie von selbst verstreichen und so rasch trocknen. Eine wahre Lust ist es. Aber was nach der Lust kommt, das kann schlimm sein: die Erkenntnis nämlich, daß es die falsche Farbe ist – die Farbe, die alles verrät.

Denn das ist das eigentlich Neue an der Farbigkeit unserer Welt: Farben verdecken nicht nur, verbergen, was unter ihnen ist, sondern sie enthüllen, auch, entblößen, machen transparent, und zwar jenen, der sie auswählt. Und perverserweise sehen einige Leute gerade hierin den Sinn der Farben. Einen Stuhl anzumalen, ist heute keine harmlose Sache mehr, sondern fast schon ein Bekenntnis. Deswegen sei Vorsicht empfohlen, äußerste Vorsicht im Umgang mit Farben. Wer immer einen Schrank anmalt oder anmalen läßt, wer eine Krawatte kauft, einen Pulli oder ein Auto, wer einen Vorhangstoff auswählt oder auch nur eingesteht, welche Farbe ihm gefällt, der beachte die Grundregel Nummer eins: Nehmen Sie, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht, nehmen Sie unbedingt Rot!

Der Patient H. St. hatte diese Grundregel nicht beachtet. Er entschied sich für jene Farben, die ihm gefielen: ein bläuliches Grün und Schwarz. Aber Rot hat er abgelehnt. Ebenso Gelb. Und damit hatten sie ihn, die Experten. Jetzt liegt seine Psyche offen vor ihnen. Als er Rot und Gelb infolge ihres, wie die Experten sagen, starken Aufforderungscharakters zurückwies und sich statt dessen für Grün und Schwarz entschied, zeigte er ihnen sein "affektives Überengagement", seine "starke innere Spannung"; ungewollt ließ er eine deutliche "Überstimulation" erkennen, er verriet seine Unsicherheit und seine Angst.

Nicht bösartig...

Zwar ist er noch zu retten. "Noch ist Herr H. St. kein echter Problempatient", sagen die Experten, "er ist nicht bösartig, aber gereizt und unverträglich." Und die Werbeleute der Arzneimittelfirma Hoffmann La Roche AG, die den Patienten H. St. schon seit längerem regelmäßig durch medizinische Fachblätter jagen (zusammen mit den verräterischen Farben), wissen natürlich, wie ihm auf ganz einfache Weise zu helfen ist. Nämlich mit täglich dreimal 10 mg Librium (von Roche). Librium bewirke die in diesem Fall nötige affektive Abschirmung. Ob es, nach längerem Gebrauch, dem Werbepatienten H. St. auch den Mut zu Rot und Gelb zurückgewinnen läßt, bleibt offen.