Aus der Bielefelder Antrittsvorlesung des SPD-Abgeordneten Ulrich Lohmar

Die Deutschlandpolitik der Großen Koalition hat die Wirklichkeit der DDR kaum verändert, ja nicht einmal wesentlich anders interpretiert als in den Jahren zuvor. Die, cum grano salis, vorhandene Polarität der offenen westdeutschen und der totalitären mitteldeutschen Gesellschaft erscheint selbst differenzierter wertenden Betrachtern in der Bundesrepublik als ein soziologisch hinreichendes Kriterium für die These, daß hier Freiheit herrsche und jenseits der Elbe eben die Unfreiheit.

Die politische Soziologie kann sich, wenn sie mit Helmut Schelsky an der Aufgabe der Vergegenwärtigung der gesellschaftlichen Wirkliche keit festhält, mit dieser handlichen Formel nicht begnügen. Die Kriterien, mit deren Hilfe der offene oder aber der totalitäre Charakter einer Gesellschaft gemessen werden kann, müssen genauer sein. Sonst geraten wir wissenschaftlich und in der Folge davon auch politisch in die Gefahr, daß grundsätzlich richtige Kriterien sich zu ideologischen Leerformeln verflüchtigen und zugleich verengen. Sie sind dann kein brauchbares Hilfsmittel der Analyse mehr, sie verlieren ihren Wert als kritische Begriffe.

Um die soziologischen Aspekte einer Wiedervereinigung Deutschlands skizzieren zu können, zunächst einige Daten. Die Bevölkerungen der DDR und der BRD sind in wesentlichen Merkmalen ihres Altersaufbaus vergleichbar. Die Anteile der jüngsten Jahrgänge sind in Mitteldeutschland infolge der Abwanderung (bis zur Errichtung der Mauer) schwächer als im Westen, die älteren Jahrgänge sind mit gleichbleibendem Abstand stärker vertreten. Insgesamt ist die Überalterung in der DDR ausgeprägter, wenngleich sie im nächsten Jahrzehnt auch in der Bundesrepublik zu einem ernsten sozialpolitischen Problem werden wird.

In der wirtschaftlichen Entwicklung liegt die Bundesrepublik nach wie vor vorn. Doch haben wir seit einigen Jahren Abstand nehmen müssen von der schon immer etwas peinlichen Vorstellung, als ob es sich bei der Bevölkerung der DDR sozusagen um die armen Verwandten handele. B. Gleitze etwa nimmt an, daß die DDR ihr wirtschaftspolitisches Instrumentarium weiter verbessern werde und daß durch die Auflockerung der Zwangswirtschaft sowie durch die Auswirkungen des technischen Fortschritts in den siebziger Jahren eine Annäherung des Produktionsniveaus in beiden deutschen Staaten erreichbar sein könnte. Die geplanten Wachstumsraten jedenfalls sind hier wie dort annähernd gleich hoch. Selbst wenn eine relative Annäherung im Sozialprodukt pro Kopf noch nicht identisch zu sein braucht mit einem vergleichbaren Lebensstandard, bleibt der Tatbestand, daß beide deutsche Staaten zu den reichen Ländern unserer Erde zählen und sich damit in der Zuordnung zu den Entwicklungsländern auf derselben Seite der sozialen Barrikaden in unserer Welt finden.

Eine vier Jahre zurückliegende Studie von Hans Apel – neuere Daten lagen nicht vor – gibt Aufschluß über die bis 1965 deutlich gewordene Einkommensentwicklung. Zur Untergruppe der Einkommen zählten in der DDR 31 Prozent, in der BRD 39 Prozent. Die mittlere Gruppe umfaßte in der DDR 67 Prozent, in der BRD 43 Prozent. Zur Obergruppe zählten in der DDR 2 Prozent, in der BRD 18 Prozent. Man muß dem hinzufügen, daß die untere Einkommensgruppe in der BRD zwar größer ist als in der DDR, aber insgesamt um durchschnittlich 20 v.H. mehr verdiente. Ein bemerkenswerter Kontrast bestand und besteht wohl auch gegenwärtig noch in der Obergruppe. Die Ursachen für diese differierende Einkommensstruktur liegen im Wirtschaftssystem, das in der DDR vor allem die Selbständigen benachteiligt, in der BRD hingegen bevorzugt. Auch die Abstufungen bei den Angestellten weichen erheblich voneinander ab, während die Unterschiede bei den Industrielöhnen nicht sonderlich bemerkenswert sind.

Liquidiertes Bauerntum