An den fernöstlichen Gebieten der Sowjetunion zeigen sich nicht nur die Chinesen interessiert. Auch die Japaner, deren enorm expandierender Industriestaat dicht vor der sowjetischen Pazifikküste liegt, haben sich dort stark engagiert. In dem großen. Streit zwischen Peking und Moskau spielen sie diskret und indirekt eine entscheidende Rolle.

Das hat schon vor vier oder fünf Jahren begonnen – zu einer Zeit, als der chinesischsowjetische Konflikt noch kaum mehr war als ein Krieg auf dem Papier. Aber schon damals machten sich die Russen Sorgen darüber, daß die Erschließung ihrer fernöstlichen Gebiete nur ziemlich langsam voranging. Diese Gebiete sind zwar reich an Bodenschätzen, doch bislang kaum industrialisiert und nur dünn besiedelt. Die Menschenmassen in der chinesischen Mandschurei, auf der anderen Seite von Amur und Ussuri mußten deshalb als eine Bedrohung wirken.

So wandten sich die Sowjets an die Japaner. Mithilfe japanischen Kapitals und japanischer Technologie sollen der sowjetische Ferne Osten, seine Industrien und seine Infrastruktur entwickelt werden. Falls sich der Plan tatsächlich verwirklichen läßt, dann wird dies eine der größten kapitalistischen Investitionen sein, die dieSowjets jemals auf ihrem Staatsgebiet zugelassen haben.

In seinem Buch Chinas Nachbarn hat der amerikanische Journalist Harrison Salisbury die Pläne der Japaner beschrieben. Sie wollen eine 8000 Kilometer lange Pipeline von Sibirien bis zur; Pazifikküste bauen; dafür sollen sie dann 10 bis. 20 Millionen Tonnen Öl im Jahr erhalten. Das Unternehmen wird etwa 7 Milliarden Mark kosten.

Jedoch ist der Bau der Pipeline nur ein Teil eines dreiteiligen Projekts. Ein gemeinsamer "Wirtschaftsausschuß" ist gebildet worden, dem sowjetische Beamte und japanische Geschäftsleute angehören. Das letzte Treffen dieses Gremiums fand im Dezember statt. Die Beratungen galten dem Pipeline-Projekt, der Errichtung japanischer Sägewerke und Holzverarbeitungsfabriken als Gegenleistung für russische Holzexportlieferungen nach Japan, sowie dem Bau neuer Häfen. Die Hafenbaugespräche sind praktisch abgeschlossen; über die anderen beiden Vorhaben wird noch verhandelt.

Der sowjetische Appetit auf japanische Kapitalhilfe scheint unersättlich, doch ist Japan andererseits sehr darauf bedacht, sich das schwefelarme Öl und das Bauholz Sibiriens zu sichern. Die japanische Delegation bei den Dezembergesprächen wurde vom Generaldirektor der Firma Fuji-Steel, Nadano, geleitet. Seine Gesellschaft, die nach der geplanten Fusion mit Yawata-Steel zum zweitgrößten Stahlkonzern der Welt gehören wird, soll die Röhren für die Ölleitung liefern. Der sowjetische Osten ist mittlerweile zum vielbesuchten Reiseziel japanischer Geschäftsleute geworden. Hunderte von japanischen Schiffen laufen jährlich die Häfen von Naschdoka und Wladiwostok an.

In dem Bemühen, ihre fernöstlichen Regionen zu entwickeln, scheuen sich die Sowjets nicht, ein Wirtschaftsbündnis mit Japan einzugehen und das Inselreich gegen die Chinesen aufzuwiegeln. Die japanische Regierung hat sich aus den Verhandlungen jedoch sorgsam herausgehalten. Zum einen treibt Japan auch Handel mit China (Umfang: 1,3 Milliarden Mark im Jahr). Zum anderen aber sind die Japaner nicht so plump, als sie politisches Kapital aus ihren Rußlandgeschäften schlagen wollten: Sie möchten alles vermeiden, was in den Augen Pekings wie eine Achse Moskau-Tokio wirken könnte. N. A.