Die Idee muß jemandem in einer ganz besonders schwachen Stunde gekommen sein. Zugegeben: ein Opernintendant kann es satt haben, zur Karwoche den religiösen Empfindungen eines Teils seines Publikums mit Wagners "Parsifal" nachzugeben. Zugegeben auch: mit Krzysztof Pendereckis "Lukas-Passion" einmal die obligate Palmsonntags-Leidensgeschichte von Bach abzulösen, war notwendig. Zugegeben schließlich: vier Aufführungen des gewiß nicht leichten Werkes sind rentabler als nur eine einzige – für das Haus; aber auch für die Interpreten wie für den Komponisten. Aber für die szenische – natürlich "Ur-"–Aufführung von Pendereckis Passion Oberammergau, ins Pseudo-Moderne transponiert, an den Rhein zu holen, war der peinlichste Einfall des Musiktheaters seit Jahren.

Zum einleitenden Chor-Orchester-Unisono "Crux ave" blitzt auf dem Rundhorizont hinter der dunklen Bühne ein Lichtkreuz auf. Gravitätisch langsam, mit quasi-liturgischem Tempo wird die Szene heller: Rings um eine schräg stehende Scheibe sitzen, auf ansteigenden Tribünen und in Alltagskleidung, die Düsseldorfer Opernsänger und Gymnasiasten aus Benrath. Ein Lichtstrahl, mystisch langsam aufgeblendet, versteht sich, holt einen Mann in der Mitte der Scheibe aus dem Dunkel, schwarzer Rollkragenpulli, gesenkter Kopf: Christus am Ölberg. Seine Todesangst: er redet schmerzvollen Blicks die Hände zum Himmel; der tröstende Engel: Lichtstrahlen von oben, und den Gestärkten umgibt die Gnade in Form zahlloser projizierter Sternschnuppen.

Später, wenn die Soldaten kommen, springt der Chor auf, fuchtelt wirr mit den Händen Erregung in die Luft. Das wiederholt sich noch des öfteren, beim "Dibbidibbidibbidibb" der Verspottung etwa, damit nun endlich auch der Unempfindlichste merkt, was gemeint ist. Phasen nur geringer Erregung hingegen werden dadurch angedeutet, daß der Chor sich eurhythmisch auf seinen Bänken hin- und herbewegt, derweil Scheinwerfer die Reihen nach dem Schuldigen absuchen. Den Kreuztragenden symbolisieren zwei sich kreuzende Lichtstrahlen, der Gekreuzigte – wieder sind die Gnaden-Sternschnuppen da – wird mit einem Säulchen langsam in die Höhe geschoben: Inzwischen ist man soweit, sich mehr damit zu beschäftigen, wie der Arme es so lange da oben aushält, ohne schwindelig zu werden.

Beim "Miserere mei, deus" projiziert man so etwas wie einen Vierungsturm unter die Decke des Zuschauerraums, Maria, im Chor stehend, wirft sich schmerzgequält einem jungen Mann an die Brust, zum "Stabat Mater" wird auf dem Rundhorizont eine expressionistische Geschwür-Landschaft freigelegt, und beim "In te, Domine, speravi" des Schlußchores tauchen dort, von Dias erzeugt, wie Schatten in einer Arena die Scharen der Seligen auf.

Wenn’s wenigstens musikalisch einigermaßen gestimmt hätte. Daß der Knabenchor seine "Domine" – Einwürfe kaum einmal sauber intonierte, mag man hinnehmen. Daß das Orchester keinen einzigen Cluster präzise abbrach, zeigte Unvermögen, kann aber mit an der runden Schlagtechnik des Dirigenten Henryk Czyz gelegen haben. Daß der Text des Sprechers (aber auch nur der) aus dem Lateinischen übersetzt wurde, ist eines der üblen, aber üblichen Zugeständnisse der ja auch Verdi und Mozart teilweise übersetzenden und dann mehrsprachig operierenden Oper. Daß man aber – weil man sicher gehen wollte – die a-capella-Chöre auf Band nahm und so die Raumwirkung der drei getrennten Chöre, und damit die auf "Stereophonie" hingearbeitete Komposition, zerstörte, offenbarte die ganze Ignoranz und Unverfrorenheit.

Krzysztof Penderecki, Sie haben es nicht nötig, sich so etwas bieten zu lassen.

Heinz Josef Herbort