Von Victor Zorza

Während Anzeichen dafür vorliegen, daß es die Chinesen im Streit um die Damanskij-Insel auf eine Kraftprobe ankommen lassen wollen, hat Moskau am letzten Wochenende eine verhältnismäßig moderate Note an die Pekinger Adresse geschickt. Darin kam die Absicht des Kremls zum Ausdruck, jenen Kollisionskurs zu verlassen, auf den sich beide Länder in den letzten Wochen begeben hatten.

Über die chinesischen Kampfvorbereitungen waren in diesen Tagen aus Moskau besorgte Meldungen zu hören, daß die Chinesen einen militärischen Vorteil gewinnen könnten, sobald in ein oder zwei Wochen das Eis auf dem Ussuri zu schmelzen beginnt. Die Eisdecke, so heißt es, würde so dünn, daß sie die sowjetischen Panzerfahrzeuge nicht mehr tragen könnte wohl aber die chinesischen Soldaten, die dann durch ihre große Zahl in der Lage wären, die russischen Einheiten auszumanövrieren. Wenn freilich dies allein die Sorge der Russen wäre, dann könnten sie das Eis auf dem Ussuri mit Bomben oder Artillerie leicht aufbrechen.

In den russischen Verlautbarungen ist weiterhin von einem Aufbau militärischer Anlagen auf der chinesischen Seite des Flusses die Rede. Tagsüber herrsche allerdings völlige Ruhe, aber während der Nachtstunden verfolgten sowjetische Beobachter mit ihren Infrarot-Ferngläsern, wie die Chinesen Gräben ausheben, Bunker anlegen und andere Befestigungsarbeiten ausführen.

Welches auch immer die Taktik Pekings sein mag, für den Kreml muß es so aussehen, als ob weitere Zusammenstöße im Gebiet der Damanskij-Insel in der Luft lägen. Und der gemäßigte Ton der Sowjetnote deutet darauf hin, daß Moskau versuchen will, eben diese Gefahr zu verringern.

In den sowjetischen Rundfunksendungen, die nach China ausgestrahlt werden, hört man nichts mehr von der Drohung eines nuklearen Gegenschlages, und während die Note zwar vor weiteren Übergriffen auf sowjetisches Territorium warnt, wird darin doch zugleich die Wiederaufnahme der 1964 abgebrochenen chinesisch-sowjetischen Verhandlungen über geringfügige Grenzkorrekturen vorgeschlagen.

Die Gespräche scheiterten damals, weil die Russen jene chinesische These zurückwiesen, wonach die vor hundert Jahren abgeschlossenen Verträge zwischen beiden Ländern als "ungleich" und "aufgezwungen" anzusehen seien. Hätte Moskau diesen chinesischen Anspruch grundsätzlich anerkannt, dann wäre Peking, so jedenfalls hieß es damals, bereit gewesen, sich auch mit geringfügigen Grenzkorrekturen zufriedenzugeben.