Von François Bondy

Oskar Panizzas "Liebeskonzil" ist beinahe ein Skandal geworden. Blasphemie, Obszönität – ein seniler Gottvater, der krächzt und spuckt, ein kataleptischer Jesus, eine kokette Maria, dann eine Mischung aus Orgie und sakralen Handlungen, bis der Teufel die durchsichtig umhüllte und von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellte Salome mit dem Geschenk der Syphilis – eigenem Einfall und göttlichem Geheiß folgend – auf diese Wüstlinge in Rom losläßt. Panizza wirkt hier, wie auch sonst zuweilen, wie eine Art Schatten des Wanderers Nietzsche, nur daß er gerade das Katholische im Christentum haßte und nicht das Protestantische. Was er zum Anlaß einer Empörung nahm, war eben jenes Rom, das einen Martin Luther empört hat.

Jorge Lavelli wollte das Stück vor dem Papstpalais in Avignon aufführen und hatte daran schon wochenlang geprobt (Leonor Fini hatte, des Wetters wegen, auf die geplanten Kostüme aus Papier verzichtet) – aber es kam dann doch nicht dazu. Im "Théâtre de Paris" gab es einige recht flaue Manifestationen empörter Christen, die sich auch mit anderen, nicht empörten Zuschauern heftig auseinandersetzten. Kritiker wie Jean-Jacques Gautier und Jean Dutourd, von denen man bisher gar nicht wußte, daß sie fromm sind, gerieten vor Zorn außer sich: "Dumm, fad, unstatthaft, obszön, abstoßend, widerwärtig, scheußlich, beleidigend, dreckig, skandalös, betrüblich", so begann die Besprechung im Figaro und steigerte sich von da an noch um einiges. Das Jahr Kerker, das der Autor in wilhelminischen Zeiten für dieses Werk abgesessen hat – obgleich es nicht gespielt und im Ausland gedruckt wurde –, war offenbar verdient, wenn Panizza noch heute so erregen kann. André Breton rühmte ihn, Walter Mehring widmete ihm eine schöne Seite in der "Verlorenen Bibliothek". Was kann denn blasphemisch an seinem Stück sein, das im ersten Akt an den Negerfilm "Green Pastures" denken läßt und das sich dann gegen den Renaissance-Papst Alexander VI. richtet? Wer verteidigt den noch? Ein Stück gegen Johannes XXIII. – das könnte entsetzen. Aber ein Borgia ...

Einige schöne Mädchen "oben ohne" und ein guter Schauspieler, Le Person, als Satan genügten nicht, um aus der lang erwarteten Aufführung ganz das künstlerische Erlebnis zu machen, das erwartet war. Selbst bei Lavelli gerät eine Orgie auf der Bühne in den unfreiwilligen Humor von schwedischem Gruppensex. Und Gottvater auf dem wurmstichigen Thron – erinnerte er nicht an das amerikanische Sgraffito: "God is not dead – but he is very, very sick"?

Ein anderer deutscher Autor, ein Zeitgenosse diesmal, wurde zum erstenmal gespielt: Peter Hacks, mit der "Schlacht von Lobositz" in der "Maison de Culture" von Ostparis, dem TEP, von dessen Leiter Guy Rhetoré inszeniert; Raffaelis Mehrzweckbühnenbild war das Beste daran. Die Auffassung änderte sich von Akt zu Akt zwischen "Mutter Courage" und Kasernenhofschwank. Daß der gezwungene Soldat Ulrich Braecker dem Offizier, der ihn anwarb, Markoni, eine recht zweideutige Liebe bekundet, war lustig, nahm aber der ganzen Idee des "modernen" psychologischen Vorgehens des Soldatenwerbers ihren Sinn. Rhetoré ist nicht Besson.

Zugleich mit dem Hacks wurden zwei andere Stücke aufgeführt, die den Militarismus verhöhnen: "Mathieu Legros" von Jean-Claude Grumberg (im Theater "Gaîté-Montparnasse") – eine Posse über das erste Empire, im Jahr des überbordenden Napoleon-Kultes hoch willkommen – und "Der unbekannte Soldat und seine Frau" von Peter Ustinov ("Théâtre Ambassadeurs"), der die entsprechenden Figuren durch die Jahrhunderte wandern läßt. Ob diese plötzliche Häufung des alten und gewiß stets aktuellen Motivs mehr als ein – doch nicht ganz glücklicher – Zufall sein mag?

Die einstimmige Kritik hat nichts Gutes an Jean-Paul Sartres "L’engrenage" im "Théâtre de la Ville de Paris" gelassen und dem Regisseur Jean Mercure überdies vorgeworfen, in diesem nie gedrehten Filmszenario auch noch alle melodramatischen Effekte hochzuspielen. Ob, wie es, hier hieß, Piscator in Frankfurt und Strehler in Mailand mit dieser schwachen Fassung der "Schmutzigen Hände" tatsächlich viel mehr anzufangen wußten als Mercure?