Die algerische Reise des sowjetischen Staatspräsidenten Podgorny mit einer Suite von 60 Begleitern beweist von neuem das Interesse, das die Sowjetunion für Nordafrika und vor allem für Algerien hegt. Seit langem heißt es, die Sowjetunion habe ein Auge auf den ehemals französischen Flottenstützpunkt Mers-el-Kebir geworfen, über dem seit einem Jahr die algerische Flagge weht.

Dies wäre für die rote Flotte ein idealer Punkt, von dem aus sie im Mittelmeer operieren könnte. Bisher hat der algerische Staatschef Boumedienne allerdings alle Meldungen von einer Überlassung Mers-el-Kebirs an die Sowjets mit allem Nachdruck dementiert. Im Gegenteil: er plädiert – um Neutralismus und Nationalismus gleichermaßen zu beweisen – für eine Aufhebung aller ausländischen Militärbasen im Mittelmeerraum.

Die sowjetische Präsenz in Algerien ist aber auch ohne diese Flottenbasis nicht zu übersehen. Gegenwärtig befinden sich auf algerischem Boden rund 2500 zivile und militärische Berater der Sowjets. Es sind Ingenieure, Ölfachleute, Geologen, Hydrologen, Agronomen und Spezialisten für den Bau von Staudämmen, die zum Teil mehrjährige Verträge haben. Zwei Fachschulen – ein Erdöl- und ein Textilzentrum – stehen unter sowjetischer Leitung. Zwei Kredite von 90 Millionen Rubeln und 115 Millionen Rubeln wurden gewährt.

Die Sowjets arbeiten seit längerer Zeit an 82 Entwicklungsprojekten mit, zum überwiegenden Teil sind es industrielle Betriebe. Beliebt hat sie Moskau in Algerien auch damit gemacht, da? es sich bereit erklärte, jährlich 5 Millionen Hektoliter Rotwein abzunehmen, der bisher nach Frankreich floß, dort aber nicht mehr abgenommen wird. Die eine Million Tonnen Erdöl, die die Sowjets sich verpflichtet haben, den Algeriern abzunehmen, werden wahrscheinlich sehr bald auf dem Weltmarkt wieder auftauchen.

Auf handelspolitischem Gebiet ist Frankreich noch immer der größte Handelspartner Algeriens, auf militärischem Gebiet aber drängt sich die Sowjetunion mit ihren Militärberatern in den Vordergrund. Sie liefert auch den weitaus größten Teil der Waffen und Fahrzeuge für Heer und Luftwaffe. Etwa 1000 algerische Offiziere besuchen die Militärakademie in der Sowjetunion.

So sehr auch der algerische Staatschef seine Unabhängigkeit zu dokumentieren versucht – in Reden und in Kommuniqués, er kann nicht leugnen, daß sein Land zwangsläufig in eine gewisse Abhängigkeit von der Sowjetunion gerät.

v. K.