Von Rolf Zundel

Bonn, im April

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl werden alle erreichbaren Anhaltspunkte genau daraufhin untersucht, ob sie Prognosen für das Abschneiden der Parteien im Herbst erlauben. Zweierlei Daten stehen gegenwärtig zur Verfügung: die Ergebnisse der Kommunalwahlen in einigen Städten und Landkreisen Nordrhein-Westfalens und Ergebnisse von Meinungsumfragen, die hier und da aus dem Kabinett oder dem Bundespresseamt durchsickern. Beide sind mit Vorsicht zu genießen.

Die Kommunalwahlen wurden notwendig, weil in einigen Gebieten die kommunalen Verwaltungsbereiche neu geordnet worden waren. Nicht alle Bürger schienen mit dieser Verwaltungsreform einverstanden; ihr Protest traf wohl insbesondere die SPD, die führende Regierungspartei in Düsseldorf. An manchen Orten veränderten unabhängige Wählergemeinschaften das gewohnte Bild völlig. Wo sie große Erfolge hatten, ging die FDP stark zurück. Die Nationaldemokraten versuchten nur in einigen, ihnen günstig erscheinenden Gebieten ihr Glück. Dort blieben sie teils über, teils unter der Fünf-Prozent-Grenze. Die CDU hat sich, wie die FDP, einigermaßen behauptet.

Die Schlußfolgerung? Die Tatsache, daß die SPD, im Gegensatz zu den anderen Parteien, fast überall Stimmen verloren hat, wenngleich wesentlich weniger als bei anderen Wahlen im letzten Jahr, läßt vermuten, daß das gestörte Verhältnis der SPD zu ihren Wählern noch nicht ganz wiederhergestellt ist; immerhin, die schlimmste Wegstrecke, markiert durch die Wahlen in Bremen und Baden-Württemberg, scheint hinter der Partei zu liegen.

Ob die FDP im Herbst einen Sprung nach vorn macht, läßt sich aus den Ergebnissen nicht ablesen, ebensowenig, ob die NPD unter der Fünf-Prozent-Grenze bleibt. Beides ist möglich. Vorläufig weiß noch niemand, wie viele der Nichtwähler vom vorletzten Sonntag (immerhin rund 25 Prozent) im Herbst zur Wahlurne gehen, noch ist bekannt, wem sie ihre Stimme geben. Auch wie sich die Stimmen, die den unabhängigen Wählergemeinschaften zugute kamen, im Herbst aufteilen, ist vorläufig ungewiß.

Eine ähnliche Unsicherheit gibt es auch bei den anderen Daten, die für Wahlprognosen verwendet werden: bei den Meinungsumfragen. Nicht alle der Befragten pflegen zu antworten. Diejenigen, die die Antwort verweigern, werden zu den sogenannten Meinungslosen gerechnet. In den Umfragen allerdings, soweit sie bekannt werden, tauchen die Meinungslosen nicht mehr auf: sie werden prozentual zur Stärke der Parteien aufgeteilt. Diese Methode hat ihre Tücken, darüber sind sich alle Meinungsforscher einig. Manche führen es nicht zuletzt auf diese Methode zurück, daß die Bürger 1965 bis zum Herbst glauben konnten, die beiden großen Parteien lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.