Von Karl-Heinz Janßen

Robert F. Kennedy: "Dreizehn Tage. Die Verhinderung des Dritten Weltkrieges durch die Brüder Kennedy"; mit Beiträgen von Robert McNamara und Harold Macmillan; aus dem Amerikanischen von Irene Muehlon; hrsg. von Theodore Sorensen; Scherz Verlag, München 1969; 218 Seiten, 14 Bildtafeln, 1 Karte, 1 Faksimile; 16,80 DM

Zuerst zögert man. Soll hier wieder einmal der Mythos der Kennedys in klingende Münze umgewandelt werden? Wissen wir nicht längst alles Wesentliche über die Kubakrise des Jahres 1962? Kann man die Detailschilderung der Präsidentenberater Sorensen, Schlesinger, Salinger noch übertreffen? Hat nicht’Elie Abel Dreizehn Tage vor dem Dritten Weltkrieg"; s. ZEIT Nr. 36/1966) minuziös jede Phase beschrieben? Mußte dieses dünne Manuskript (es füllt kaum zwei Drittel des Buches, und auch das nur mit Hilfe großer Drucktypen) unbedingt noch publiziert werden, obschon Elie Abel es ausgewertet hatte?

Doch die Skepsis verfliegt schon nach den ersten paar Seiten. Wenn je in den letzten Jahren ein politisches Buch gedruckt werden mußte, dann war es dieses. Es ist eine historische Quelle ersten Ranges, eine erstklassige Lehrfibel für junge Politwissenschaftler, und dazu ein ergreifendes menschliches Dokument. Geschrieben ist es in einer einfachen und klaren Sprache; es fesselt von der ersten bis zur letzten Zeile. Man muß die begleitenden Worte des ehemaligen britischen Premierministers Macmillan vollauf bestätigen: "Niemand kann dieses kleine, so einfache und doch so dramatische Buch lesen, ohne von neuem zu fühlen, was die Welt durch den Tod dieser beiden Brüder verloren hat."

Mancher wird nach der Lektüre sein Urteil über den "kleinen" Bruder des Präsidenten revidieren müssen. Er mag noch so viele Ecken und Kanten besessen haben, die Abneigung gegen seinen persönlichen Stil und die Zweifel an seiner politischen Substanz mögen noch so berechtigt gewesen sein – in der Stunde der höchsten Gefahr ist er über sich hinausgewachsen, reicht er an die Größe seines Bruders heran. Der Verlag nimmt den Mund nicht zu voll, wenn er beiden Brüdern das Verdienst zuschreibt, den Dritten Weltkrieg verhindert zu haben. Sogar der sonst so kühle und beherrschte ehemalige Verteidigungsminister; McNamara schreibt, er habe Robert F. Kennedy "durch sein Verhalten während der Raketenkrise von Kuba kennen, bewundern und lieben (!) gelernt". Er bescheinigt dem damals 37jährigen Justizminister "eine ganz außergewöhnliche Mischung von Energie und Mut, Mitgefühl und Weisheit". "Während der ganzen Dauer der Krise blieb er ruhig und sachlich; fest, aber maßvoll; nie reagierte er gereizt oder schwankend."

Robert Kennedy war es, der die Planungen organisierte, er war es, der sich von Anfang an, zusammen mit McNamara, einem militärischen Vergeltungsschlag gegen Kuba widersetzte und allmählich die Mehrheit der anderen Berater zu seiner Ansicht bekehrte, er war es, der auf dem Höhepunkt der Krise, als einem versöhnlichen Brief Chruschtschows ein hartherziger nachfolgte, die rettende Idee aufgriff, den zweiten Brief zu ignorieren, und er schließlich formulierte die Bedingungen für die Lösung.

Zunächst konnte er nur eine winzige Minderheit von "Tauben" um sich scharen. Sie hatte es schwer gegen die bestechenden und einleuchtenden Argumente der "Falken", zu denen diesmal nicht nur die Militärs, sondern auch der ehemalige Außenminister Acheson, vor dessen logischer Beweisführung sogar Robert Kennedy sich ein wenig fürchtete, und neben anderen Parlamentariern sogar Senator Fulbright zählte. Innerhalb einer Woche konnten die sowjetischen Atomraketen auf Kuba einsatzbereit sein, da half, so schien es, nur noch ein vernichtender, präventiver Luftangriff gegen die Raketenstellungen. "Jetzt weiß ich, wie Tojo zumute war, als er Pearl Harbor plante", schrieb Robert Kennedy seinem Bruder auf einen Zettel.