Von Ernst Hornickel

Jenseits des großbürgerlichen Geltungsdranges, der sich gern in englischen Jaguars und Rovers, in den modernsten und elegantesten Versionen des Mercedes 280, der neuen großen BMWs, des eleganten NSU Ro 80 und der italienischen Lancia Flaminias widerspiegelt, zu denen in den letzten Wochen der große Fiat 130 gestoßen ist, jenseits dieses immer turbulenten Feldes gesellschaftlicher Wertung und Geltung gibt es die sehr viel stilleren Bezirke der Spitzengesellschaft, jener Gärten des europäischen Uradels und Großkapitals, in denen die Sonne des Highlife nicht untergeht. Hier herrscht die Seelenruhe der unbegrenzten Möglichkeiten, die Windstille der Wünsche, die alle erfüllt wurden oder unverzüglich erfüllbar sind.

Matt fährt die teuersten Wagen der Welt, den Phantom VI oder Silver-Shadow aus der ehrwürdigen Familie Rolls-Royce, die vornehmen Bentley-Brüder der Serie T oder aber einen der beiden Mercedes 600, das repräsentative Komfortwunder der ältesten Automobilfabrik der Welt. Hier sind sie:

GB, Rolls-Royce, Phantom VI, V8, 6,2 Liter, 125 000 Schweizer Franken (1 Schweizer Franken = 0,93 Mark);

GB, Rolls-Royce, Silver-Shadow, V8, 6,2 Liter, 113 000;

GB, Bentley, Serie T Cabriolet, V8, 6,2 Liter, 112 400;

D, Mercedes-Benz, 600 Pullman, V8, 6,3 Liter, 87 000;

GB, Bentley, Serie T Sedan, V8, 6,2 Liter, 77 300;

D, Mercedes-Benz, 600, V8, 6,3 Liter, 77 000.

Die Preise sind in Schweizer Franken angegeben. Denn die Preise eines Rolls-Royce in Deutschland und eines Mercedes 600 in England würden die Relation stören. Interessant ist, daß keiner dieser Wagen über 210 Stundenkilometer ausgelegt ist, eine Spitze, die nur vom Mercedes 600 erreicht wird. Der schnellste Bentley und der Rolls-Royce Silver-Shadow begnügen sich mit 190, und der altberühmte Phantom VI erreicht gerade die Spitze des Mercedes 250 der Neuen Generation. Allerdings würde ich mich bei dieser Geschwindigkeit lieber dem deutschen Auto anvertrauen. Denn der Phantom spukt wie ein uralter englischer Schloßgeist noch auf Kastenrahmen mit Längsträgern und Kreuztraversen, hinterer Starrachse Halbelliptikfedern und Trommelbremsen auf den Straßen herum,ein museales Prachtstück des Automobilbaues von gestern, ein Ausbund typischenglischer konservativer, Beharrlichkeit. Daß Rolls-Royce auch moderne Autos zu bauen vermag, die im Fahrwerk fast an die Klasse des Mercedes 600 heranreichen, hat es mit dem Silver-Shadow und den Bentley-Typen bewiesen.

Alle diese Automobile sind keine Jaguars, Mustangs, Wildkatzen und Wüstenwinde (Maserati-Ghibli). Sie werden meist von Chauffeuren gefahren und sind alles andere als der aggressiv verlängerte Arm irgendeiner dynamischen Persönlichkeit, die selbst am Steuer sitzen will. Sie sind nichts weniger und doch viel mehr als ein Instrument der Selbstdarstellung nach Mode und Maß.

Das kann man von der folgenden Kategorie der typischen Autos des Jet-Set nicht sagen. Diese sind erheblich billiger, aber sehr viel schneller. Ihr Preis liegt zwischen 62 000 und 69 000, und ihre Spitze beginnt mit den 220 Stundenkilometern des Mercedes 300 SEL 6,3 und endet mit 300 Stundenkilometern, die der sieben Liter Iso-Grifo und das Bertone-Kraftei des Lamborghini P 400 Miura S (letzterer mit einem V12-Heckmotor von nur vier Liter Hubraum) erreichen.

In diesen Bezirken herrscht alles andere als Windstille und Seelenruhe. Hier geht es lebhafter zu. Hier ist die Welt der Männer mit Privatflugzeugen und eigenen Inseln, der Männer, denen Golf zu langsam und Rennfahren zu schnell geht, der Männer, die immer und überall im Leben im Cockpit sitzen.

Ihre Autos sind entsprechend. Manche von ihnen haben den Rumpf von Sturzkampfbombern und die Armatur von Jagdflugzeugen. Ihre Karosserien werden nicht nur nach Luftwiderstandsbeiwerten geschneidert, sondern nach geheimnisvollen Meßzahlen sportiver und erotischer Ekliptik. Bertone, Farina, Frua und Ghia zeigen hier eine nur in Nuancen unterschiedliche, fast ballistische Formgebung mit stark abgeschrägter Windschutzscheibe und langem Fließheck, zu deren Erscheinung die Konturen auch der neuesten und keineswegs billigen Modelle der europäischen Großserien auffallend kontrastieren. Dabei ist sehr zu bezweifeln, ob diese italienische Schule der schnellen GT-Modelle den Serienbau der siebziger Jahre mehr befruchten wird, als es etwa in dem supermodernen Kleid des NSU Ro 80 realisiert werden konnte.

Schließlich ist die aerodynamische Gestaltung von Automobilen nicht erst kürzlich vom Baum der Erkenntnis gefallen. Die Mercedes-Benz-Rennabteilung und Mickl, der Aerodynamiker des alten Professors Porsche, haben schon vor fast vierzig Jahren solche Boliden mit niedrigsten cw-Werten gebaut, im Avusrennen und auf Autostraßen eingesetzt und eine Anzahl von Klassenweltrekorden erzielt.

Auch die Preise der vielen schönen, teuren Wagen der Klasse des Jet-Set sind hier, der zuverlässigen Relation halber, mit Schweizer Franken angegeben, geordnet nach ihrer Höchstgeschwindigkeit (vom Werk angegeben).

I, Lamborghini, P 400 Miura S, 300 km/h, V12, 4,0 Liter, 68 500 Schweizer Franken (1 Schweizer Franken – 0,93 Mark);

I, Iso-Grifo, 7 Liter, 300 km/h, V8, 7,0 Liter, 68 500;

I, Ferrari, GT, B 4, 280 km/h, V12, 4,4 Liter, 63 000;

I, Maserati Ghibli, 275 km/h, V8, 4,7 Liter, 65 500;

CH, Monteverdi High-Speed 400 SS, 270 km/h, V8, 7,2 Liter, 69 500;

CH, Monteverdi 375 L (Fissore), 250 km/h, VW, 7,2 Liter, 69 500;

I, Lamborghini 400 GT Espada, 250 km/h, V12, 4,0 Liter, 68 500;

I, Maserati Mexico 4700, 250 km/h, V8, 4,7 Liter, 63 000;

I, Ferrari, GT 2+2 und 365 GTC, 245 km/h, V12, 4,4 Liter, 65 500;

I, Iso-Grifo, GL 350, 245 km/h, V8, 5,4 Liter, 65 100;

GB, Aston Martin DBS, 230 km/h, R6, 4,0 Liter, 62 000;

D, Mercedes-Benz, 300 SEL, 6,3, 220 km/h, V8, 6,3 Liter, 53 600.

Ausgewählt wurde diese Klasse – wie gesagt – nach ihren Preisen, die unmittelbar hinter den großen Sechs rangieren und weit über denen der deutschen Renommierautos liegen.

Es ist interessant, was sich dabei zwischen 62 000 und 69 000 Schweizer Franken alles an solidem und vorgetäuschtem Avantgardismus ansammelt. Interessant ist ferner, daß Frankreich in der Spitzenklasse Europas noch nicht wieder vertreten ist, solange die kleine Repräsentationsserie Citroëns vom Typ „Le President“ nicht vom Band gerollt ist.

Nicht lange mehr wird auch der schnellste Mercedes, der 300 SEL mit dem 6,3-Liter-Motor, so tief unten in der Tabelle stehen. Nicht nur, daß man den Mercedes 6,3 Liter V 8, der ganz zivil ausgelegt wurde, leicht über seine 250 PS hinaus zu entwickeln vermag, man kann allein das zu üppige Leistungsgewicht von 7,05 kg/PS den Italienern besser angleichen, die mit 4,3 (Maserati Ghibli), 2,9 (Lamborghini Miura) und 3,6 kg/PS (Ferrari 365 GTB 4) erheblich mehr Rasanz bei kleinen Motoren entwickeln.

Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß man in Untertürkheim dabei ist, eines Tages mit einem ganz neuen Triebwerk in einem wahrscheinlich auch ganz neuen Auto nach alter Väter Sitte aufzutrumpfen.

P. S.: Teuerster Wagen des Genfer Automobil-Salons im März war ein serienmäßiger deutscher Sportwagen: der Porsche 917 mit luftgekühltem Zwölf-Zylinder-Boxermotor von 4,5 Liter und 520 PS für 140 000 Mark.

Seine Spitze wurde im Prospekt mit 320 Stundenkilometern angegeben. Der Wagen war auf dem Stand der schweizerischen „Automobil-Revue“ die Attraktion des Salons.