Ein Wunder, daß die Lehrlinge noch nicht auf die Straße gegangen sind. Sie haben mindestens ebenso viele Gründe – zum Protest wie Schüler und Studenten

Die Studenten kämpfen mit Argumenten und Steinen für eine Reform des akademischen Bildungswesens. Auch Deutschlands aufsässige Schüler bereiten so manchem biederen Schulmann schlaflose Nächte. Nur an der dritten "Bildungsfront", bei den kaufmännischen und gewerblichen Lehrlingen, ist es bisher erstaunlich ruhig, geblieben. Hier sind die Traditionskompanien des Establishments noch nicht in aufreibende Abwehrkämpfe verwickelt.

Wer von der rebellierenden Jugend spricht, denkt kaum an die fast 1,3 Millionen Lehr- und Anlernlinge in den Büros und Fabriken, Handels- und Handwerksbetrieben der Bundesrepublik. Zwar hört man schon vereinzelt von Flugblattaktionen, Basisgruppen und SDS-Instruktoren, die den Stiften das Revoluzzertum nahebringen möchten. Doch in dem Lärm, den die studentischen Protestler veranstalten, gehen die zaghaften Stimmen unzufriedener Lehrlinge noch völlig unter.

Dabei hätten die Lehrlinge mindestens ebenso viele Gründe, an den alten Zöpfen zu zausen wie Schüler und Studenten. Welcher Student wird schon von seinem Professor oder einem Assistenten weggeschickt, um Bier oder Zigaretten zu besorgen? Welchem Pennäler wird zugemutet, einen großen Teil seiner Schulzeit mit ausbildungsfremden Arbeiten, mit Hilfs- und Nebentätigkeiten zu vergeuden?

Ein Student oder Schüler hat die Möglichkeit, den Ausbildungsort zu wechseln, wenn er mit dem gebotenen Lehrstoff oder den Fähigkeiten seiner Lehrer unzufrieden ist. Der Lehrling dagegen ist vertraglich an einen bestimmten Betrieb gebunden. Wenn er oder seine Eltern im Laufe der Lehrzeit den Eindruck gewinnen, daß die dort tätigen Ausbilder nicht über die erforderliche persönliche, fachliche und pädagogische Qualifikation verfügen, ist ein Wechsel des einmal gewählten Ausbildungsbetriebes kaum möglich.

Es ist schon erstaunlich, daß die vielen Lehrlinge, die von ihren Meistern in erster Linie als billige Arbeitskraft betrachtet werden, nicht schon längst mit Fahnen und Transparenten auf die Straße gezogen sind. Eigentlich hätten ihnen doch die Augen aufgehen müssen, wenn sie in der Berufsschule Jugendliche aus anderen Unternehmen treffen, die eine vorbildliche, durch modernste technische und pädagogische Hilfsmittel unterstützte Ausbildung erhalten. Denn solche Firmen gibt es ja – es sind leider viel zu wenige.

Erstaunlich ist aber auch, daß Bund und Länder der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates den Auftrag erteilt haben, Empfehlungen für eine Verbesserung der Lehrlingsausbildung auszuarbeiten, ehe es zu Protesten und Unruhen gekommen ist. Bedauerlicherweise geht man meist den umgekehrten Weg. Ob den Empfehlungen konkrete Maßnalmen folgen, ehe es auch bei den Lehrlingen vernehmlich rumort, bleibt allerdings abzuwarten.