Von Dietrich Bächler

Kultusminister beseitigt studentische Aggressionsstauungen – Gruppentherapie im Auditorium maximum. Die Überschrift würde den Sachverhalt treffen. Plakate nennen den Vorgang anders: Kultusminister diskutiert mit Studenten über Hochschulreform.

Aufgeheizt wird die Stimmung vorher. Wenn der Minister die Bühne betritt, braucht man sich mit Präliminarien nicht mehr aufzuhalten. Der Anblick genügt als Auslöser. Im wesentlichen ist das Gebrüll unartikuliert. Die Befriedigung liegt in der Lautstärke. Wem die eigene Stimme zu schwach ist, den Aggressionsstau abzutragen, benutzt Trillerpfeifen, Kanonenschläge und Knallfrösche. Die mit den Stinkbomben hatten noch eine repressive Erziehung. Sie können nur schleichend Luft ablassen. Bei den Eierwerfern stand Frau Saubermann Pate. Endlich von Herzen kleckern dürfen, und Mutti kann’s nicht verbieten.

Zehn Minuten dauert die Entladung. Was folgt, ist lustlos. Schlagworte, Monologe, ärgerlich abgespult. Lust verlangt nach Wiederholung. Kultusminister, die darauf eingehen, sind selten. Markige Worte brauchte man, das staut rapide. Wo aber sind heute noch altdeutsch-markige Politiker zu finden? Die NPD ist schließlich nicht satisfaktionsfähig. So wird die zweite Entladung mühsam, eine dritte ist nicht zu schaffen.

Warum Kultusminister auf solchen Veranstaltungen nicht mit Doubles arbeiten? Vielleicht würde auch ein überlebensgroßes Farbphoto genügen. Verhaltensforscher haben mit Ersatzauslösern gute Erfahrungen gemacht.

Da lobe ich mir die Münchner Kunststudenten. Sie schaffen es ohne Vis-à-vis mit Motorrädern. Ein Motorradrennen durch die Gänge der Kunsthochschule, als Protest gegen die repressive Gesellschaft, versteht sich. Den Aggressionstrieb einfach durch den Auspuff gejagt. Der Präsident hatte Verständnis, gab jedoch die Gefährdung von Menschenleben zu bedenken.

Wer den Hexenkessel studentischer Entladung besucht hat, entwickelt Humor oder kehrt nicht wieder. Manchmal lohnt sich die Wiederkehr, und wenn es nur zwei Sätze sind, aufgelesen spätabends nach den Wortgewittern. Er gebe ja zu, sagt der Revoluzzer aus sehr gutem Hause, sie machten einen Popanz aus dem Ordinarius, sie brauchten das, ihre Erziehung zwinge sie dazu. Eine Zeit sei zu wünschen, wo nicht mehr die Rolle gesehen werden müsse, der Mensch anerkannt werden könne mit seinen Vorzügen und Schwächen.