Von Kurt Leopold

Konstantin Pritzel: "Die Wirtschaftsintegration Mitteldeutschlands"; Verlag Wissenschaft und Politik, Berend von Nottbeck, Köln 1969; 263 Seiten, 28,– DM.

Das Buch mit dem nicht ganz glücklich gewählten Titel "Die Wirtschaftsintegration Mitteldeutschlands" – Integration wohin, wohinein? – ist nicht im eigentlichen Sinne politisch oder wirtschaftspolitisch: Es werden an sich bekannte Tatbestände im sogenannten Ostblock und mit einem gewissen Schwergewicht in der Deutschen Demokratischen Republik geschildert, ohne daß Konsequenzen gezogen und Leitsätze für eine mögliche oder notwendige Änderung des unbefriedigenden, ja beklagenswerten Zustandes aufgestellt werden. An Hand eines umfangreichen Quellenmaterials wird im ersten Teil die geschichtliche Entwicklung dargeboten; im zweiten Teil werden die rechtlichen, organisatorischen und ideologischen Grundlagen kommunistischer Wirtschaftsintegration erläutert.

Der Leser beider Teile – angenommen, er habe sonst keine anderen Informationen – wird sich fragen müssen, ob denn nicht die Deutsche Demokratische Republik, ja, auch die Sowjetunion unmittelbar vor ihrem wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch stehen, denn praktisch alles, was dort nach 1945 geschah, ist "gescheitert", ein Wort, das fast auf jeder Seite vorkommt. Und wenn etwas mit Müh’ und Not "erreicht" ist, dann ist und bleibt es doch widerspruchsvoll und aussichtslos. Zum Beispiel:

1. Bei der Untersuchung der "Warenstruktur" des Außenhandels im anderen Deutschland lassen die Zahlen erkennen, "daß die Sowjetzone wieder die traditionelle Struktur des deutschen Außenhandels, und zwar eines hochentwickelten, rohstoffarmen, dichtbevölkerten Industriestaates erreicht hat"; aha, denkt der geneigte Leser, endlich ein Fortschritt! Aber weit gefehlt: "Der hohe Anteil von Maschinen und Ausrüstungen am Export ist in Anbetracht des mangelhaften Zustandes der sowjetzonalen Produktionsanlagen vom volkswirtschaftlichen Standpunkt her nicht zu verantworten. Unter anderem liegen hier die Ursachen für die geringe Arbeitsproduktivität, die Qualitätsmängel in der Produktion, die mangelhafte Außenhandelsrentabilität und andere Folgeerscheinungen, die schließlich zu den negativen Auswirkungen auf den Lebensstandard der Bevölkerung geführt haben." Die Frage, was denn eine hochentwickelte Industriewirtschaft mit Schwergewicht anderes ausführen kann als Maschinen und, Ausrüstungen, wird weder aufgeworfen noch beantwortet.

2. Bei der Darstellung der "Entwicklungshilfe der Sowjetzone" wird ausgeführt: "Der Westen stellt den Entwicklungsländern pro Jahr rund vierzig Milliarden Mark an öffentlicher und privater Entwicklungshilfe zur Verfügung; der Osten bringt demgegenüber nur etwa zwei Milliarden Mark pro Jahr, also nur etwa fünf Prozent der westlichen Leistungen auf. Während die westlichen Länder somit im Durchschnitt knapp ein Prozent ihres Sozialproduktes als Entwicklungshilfe abzweigen, stellt der Osten hierfür nur etwa ein Zehntel eines Prozents seines Sozialprodukts zur Verfügung." Ja, denkt der Leser, das ist wirklich wenig, aber er hat noch nicht zu Ende gedacht, da heißt es: "Nun darf allerdings die verhältnismäßig geringe Kapitalhilfe, die seitens der kommunistischen Länder der Dritten Welt gewährt wird, nicht über ihre Effektivität hinwegtäuschen. Die wirtschaftliche Schwäche der Ostblockländer und der geringe Umfang der tatsächlich gewährten materiellen Hilfe wird weitgehend verdeckt bzw. wettgemacht durch eine intensive Propaganda- und Öffentlichkeitsarbeit, durch die gezielte Aktivität kommunistischer Gewerkschaftsorganisationen und anderer unter kommunistischem Einfluß stehender Institutionen ..." Ja, fragt sich jetzt der Leser, was wäre dann wohl, wenn der "Osten" auch eins vom Hundert...?

3. Die Direktiven zum neuen sowjetischen Fünf jahresplan 1966/70 sind natürlich schlecht, denn "damit ist die Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft beträchtlich überfordert. Mit zu geringen Mitteln will man zuviel auf einmal erreichen. Mit einem Sozialprodukt, das noch nicht einmal die Hälfte des amerikanischen beträgt" – wie mies, denkt hier der Leser – "wollen, die Sowjets bei ihrer größeren und schneller wachsenden Bevölkerung große Summen für Rüstung und militärische Zwecke aufwenden, im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums nicht nachstehen ... und schließlich den Lebensstandard der Bevölkerung anheben. Diese Pläne sind aus eigener Kraft, auf der Basis des gegebenen Nationaleinkommens schlechthin nicht zu realisieren."