Was so aussieht, als sei es von heute, ist in Wahrheit von gestern, ja sogar von vorvorgestern. Es ist dennoch so sehr "von heute", daß es staunen macht. Das Laborporzellan zum Beispiel: typisch Bauhaus? Es entstand im gleichen Jahr, in dem Scotts "Ivanhoe" und E. T. A. Hoffmanns "Lebensansichten des Katers Murr" erschienen, in dem Ernst Moritz Arndt als gefährlicher Liberaler von der Universität Bonn flog und von der Zugspitze Erstbesteigung gemeldet wurde, im Jahre 1920. Und einer der beliebtesten Stühle unserer Tage feiert gerade 110. Geburtstag. Diese Beispiele sind einer inzwischen berühmt gewordenen Ausstellung entnommen, die noch in den besseren Tagen des "Rates für Formgebung" vom damaligen Generalsekretär Fritz Gotthelf und von Wend Fischer, dem Direktor der Neuen Sammlung in München, zusammengestellt worden ist. Seit dem Wochenende wird sie, knapp ein Jahr nach der Premiere, in Offenbach gezeigt. Ihr Titel heißt "Seit langem bewährt" und will sagen: Die Gestalt, die man diesen Gegenständen gegeben hat, ist so einfach, so handlich, dem Material, aus dem sie gemacht sind, so angepaßt, auch so schön, daß kein Anlaß war, sie aus dem Verkehr zu ziehen. Die Formen sind noch immer nicht veraltet, und das liegt daran, daß sie nicht bloß um irgendeiner Ästhetik willen erfunden wurden, sondern mit dem Charakter der Dinge, die sie darstellen, direkt verwandt sind. Die Bestecke, Briefschlitze, Klinken, Kannen, Koffer, Kellen, Photoapparate funktionieren, und sie gefallen. Und vor allem hat die Technik sie nicht zu Antiquitäten gemacht wie das Auto und das Flugzeug von, sagen wir, 1920. Der Stahlstuhl von Mart Stam, das ist sicher, wird auch in vierzig Jahren so vollendet schön sein wie heute und vor vierzig Jahren. m. s.