Von Gabriel Laub

Das Oberhausener Festival ist wie ein orientalischer Bazar: eine bunte Menge, jeder bietet an und lobt, was er hat, jeder wählt aus, was er will, kunstvoll bestickte Teppiche neben seltsamen Gegenständen, von denen der Verkäufer selber nicht weiß, wozu sie gut sein könnten.

Es ist die wahrscheinlich unabhängigste, toleranteste und am wenigsten manipulierte Filmschau der Welt, und deswegen ist sie auch auf dem Gebiet der Kurzfilme die bedeutendste. Eine strengere Auswahl könnte dem Zuschauer vielleicht viele Stunden der siebzigstündigen Filmwoche ersparen – dafür aber könnten sich auch die Tendenzen des gegenwärtigen Kurzfilms nicht so plastisch darstellen.

Das wesentlichste Merkmal, das seit einigen Jahren das Antlitz des Kurzfilms verändert, ist eine Masseninvasion der Amateure, nicht gebunden durch kommerzielle Rücksichten und Routine. Leider scheint es, daß der größte Teil der Amateurfilmer mehr Willen sich durchzusetzen als Ideen besitzt.

Sie haben das Gefühl, die ersten Entdecker des Films zu sein, und sie beginnen oft dort, wo ihre Urgroßväter vor mehr als siebzig Jahren angefangen haben: Sie freuen sich, daß es sich bewegt, daß man es schneller und langsamer machen kann, daß man die Welt aus den seltsamsten Winkeln anschauen kann. Ohne Logik und Notwendigkeit setzen sie hintereinander alle Mittel ein, die ihnen die moderne Technik zur Verfügung stellt. Einen Streifen über einen freundlichen Ausflug halten sie für ein Filmwerk, eine Kameraprobe für ein Experiment. Wenn sie ihre Freundinnen nackt filmen, glauben sie, für die sexuelle Freiheit zu kämpfen, einen primitiv gefilmten primitiven Beischlaf halten sie für einen Beitrag zur Weltrevolution. Von einer langweiligen Aufnahme irgendeiner Demonstration mit Losungen und Reden erwarten sie, daß sie mindestens ein paar Regierungen stürzen wird.

Vieles kann man den jungen Autoren verzeihen: die technische Naivität (die sich auch, als überholtes Raffinement ausdrückt), die Berauschung durch die Technik, sogar die narzißtische Selbstberauschung, die dazu führt, daß sich die Autoren in ihren Filmen haufenweise mit und ohne Bekleidung zeigen. Nicht zu verzeihen ist der erschreckende Mangel an Gedanken. Wenn jemand schon in seinem ersten Film nichts zu sagen hat, was wird er weiter machen? Der sympathischste in dieser Hinsicht war der Belgier Kees Sengers. Als der Titel seines Films "I Do Not Like the Beatles durchgelaufen war, erschien auf der Leinwand ein junger Mann, wiederholte diesen Satz, und aus. Der Autor hatte alles gesagt, was er der Menschheit sagen wollte, und es dauerte nur anderthalb Minuten.

In dieser Situation wundert es nicht, daß auf dem Festival nur sehr wenige engagierte Dokumentarfilme vertreten waren. Diese scheinbar einfachste Filmgattung – nimm deine Kamera und dreh, was du siehst – ist in Wirklichkeit eine der schwierigsten, weil eine einfache Aufnahmenreihe noch kein Dokument ist. Ein Dokumentarfilm verlangt manchmal einen ganzen Stab von Mitarbeitern, manchmal eine langfristige Arbeit. Vor allem aber verlangt er vollkommene Sachkenntnis, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu finden, eine bestimmte gedankliche Konzeption – gerade das, was beim Amateurfilmer die seltenste Ware zu sein scheint.