Von Ernst Kreuder

Die Aeroflot-Maschine von Leningrad nach Kiew sollte in einer halben Stunde starten. Erfrischungen waren in dem schmächtigen Auf; enthaltsraum des Aeroport nicht vorgesehen, wir schrieben solange blaßfarbige Ansichtskarten.

Die Abflugzeit ging vorüber, wir waren an Verspätungen gewöhnt. Schließlich tauchte Sofija Konstantinowna, unsere junge Dolmetscherin, etwas verstört und abgehetzt auf, und wir erfuhren, die Kursmaschine Leningrad–Kiew ist seit heute vom Flugplan abgesetzt. Ein Irrtum vom Leningrader Flugbüro. Danach verschwand unsere hilfreiche Sofija Konstantinowna wieder für einige Zeit, und wir schrieben nochmals Ansichtskarten. Die Uhr zeigte 19.30 Uhr, als Sofija hereinstürzte und aufgeregt mitteilte, nun müßten wir laufen, die Maschine nach Moskau flöge in fünf Minuten, sie hätte noch Plätze für uns bekommen können. Wir rannten mit unserem Gepäck auf den dunklen Flughafen hinaus.

19.55 Uhr hob sich der Düsenvogel in die Luft. Da wir seit Mittag nichts mehr zu uns genommen hatten, beruhigte uns die Aussicht auf den Flug-Service. Die Hosteß brachte uns zuerst zwei Bonbons, in der Mitte des Fluges ein Gläschen Limonade und vor der Landung wiederum zwei Bonbons. Um 21.00 Uhr landeten wir auf einem Moskauer Flughafen. Sofija eilte im Regen voraus, um ein Taxi zu chartern, das uns nach einem 60 Kilometer entfernten Moskauer Flughafen bringen sollte, wo wir die Kursmaschine nach Kiew bekämen.

Da ich noch (rheumatisch) hinkte, gerieten mir in dem regnerischen Dunkel die Reisegenossen außer Sicht. Sofija konnte ich am Rande des Flughafens eben noch einholen, hinkend und das Gepäck schleppend. Sie beorderte mein Gepäck und mich in einen leeren, kalten Kleinbus, lächelte herzlich und verschwand. Ich wartete und rauchte. Ein kräftiger Mann mit Dienstmütze erschien in der Türöffnung und redete lange auf mich ein. Jetzt stiegen plötzlich acht Männer in abgetragener Arbeitskleidung in den kleinen Bus, grüßten, setzten sich und rauchten.

Vermutlich saßen die Reisegenossen im warmen Flughafenrestaurant und speisten. Mir war kalt, und ich hatte Durst. Wo blieb Sofija? Draußen peitschte der Wind den dünnen Regen. Die acht Männer interessierten sich plötzlich für ein kleines Eisenschild neben meinen Füßen an der Buswand. Sie lasen die langen Sätze, standen auf und verschwanden. Ich legte das Notizheftchen auf die Knie und begann, bei trüber Beleuchtung, zu kritzeln:

Donnerstag, 22 Uhr. Name des Moskauer Flughafens nicht bekannt. Gegen 15.30 Uhr verließen wir das Hotel Astoria in Leningrad. Am Vormittag in der Peter-Pauls-Festung. Besichtigten die Gefängniszelle von Maxim Gorki. Zwei Polizeiphotos des jugendlichen Dichters hängen neben der bohlendicken Zellentür. Luke mit schweren Eisenstangen. Der verhärmt blickende Sträfling en face und im Profil abgebildet, lange schwarze Häftlingsnummer quer darunter. Die Gewölbezelle ist düster, kahl und weiträumig. Die Bettpritsche ungewöhnlich lang. Gorki war ein hochgewachsener Mann. Von hier wurde er nach Sibirien verschickt. Ich fragte nach der Zelle Dostojewskijs. Sie war beim Umbau verschwunden. Auch der geniale Romancier wurde von hier nach Sibirien verbannt.