Den Geheimtip Mailand sprechen Mitteleuropas Anlageberater noch nicht mit sonderlich fester Stimme aus. Gewiß gibt es Chancen dafür, daß der ohne lange Aufhellungsphasen schon seit 1961 dahindämmernde Aktienmarkt Italiens in diesem Jahr endlich aus seinem Schattendasein heraustritt. Nach einer weiteren Indexeinbuße von 8 Prozent im vorletzten und per Saldo Stillstand im letzten Jahr hat der Aktienindex im ersten Quartal 1969 rund 3 Prozent gewonnen. Einem mäßigen Januar durchaus auf der Linie des Vorjahres. folgten Erholungen im Februar und ein deutlich positiver März. Die Feststellung zum Teil massiver Stützungskäufe und der Tatsache, daß eigentlich recht wenig Publikum im Markt ist, warnt jedoch vor zu eiliger Zuversicht, eine nachhaltige technische Reaktion auf jahrelanges Zurückbleiben – ganz abgesehen von der guten Konjunktur – müsse unbedingt schon morgen einsetzen.

Die seit Jahren unpopuläre Kapitalmarktpolitik der italienischen Regierung sitzt sehr tief in den Knochen. Die Verstaatlichung der Elektroindustrie vor fünf Jahren und die Hydra der 300 Staatsgesellschaften mit IRI und ENI an der Spitze, die 1969 mit einem Aufwand von 550 Milliarden Lire nahezu ein Viertel sämtlicher italienischer Investitionen selbst besorgen werden, sind jedem Kapitalanleger gegenwärtig. Daß nun doch keine staatlich kontrollierte Mammutbank aus der Banca Commerciale Italiana, dem Credito Italiano und dem Banco di Roma zustande kommt, die für ein Drittel des gesamten italienischen Einlagevolumens gut gewesen wäre, erleichtert die Italiener kaum: die drei Institute sind sowieso unter IRI-Kontrolle. Und die niedrigen Kurse könnten die übernahmehungrigen Staatsholdings verleiten, gelegentlich anderwärts ihren unersättlichen Rachen aufzureißen.

Man muß zwar anerkennen, daß Regierung und Parlament die Zeichen der Zeit allmählich begreifen. Aber über ihren (sozialistischen) Schatten können viele noch nicht springen. Mißgriffe wie die Einführung einer "Offenbarungspflicht" beim Dividendenbezug sollten nicht mehr vorkommen können. Aber in der Beratung des dringend erwarteten, für den Sommer angekündigten Anlagefondsgesetzes, das Fonds endlich auch in Italien heimisch machen würde, wird die Linke es wohl nicht lassen können durchzusetzen, daß die Anteile auf den Namen lauten müssen. Am Rentenmarkt drohen Riesenanleihen von 200 Milliarden Lire (zu 6 Prozent) für den "Grünen Plan" und 320 Milliarden für den Staat, außerdem die Belastung bisher steuerfreier Obligationen mit 10 Prozent Quellensteuer. Es bleibt abzuwarten, ob die von Schatzministerium und Banca d’Italia gerade aufgerichteten Hindernisse für den Kapitalexport (Glattstellung der Auslandskonten bis 30. Juni, Erhöhung des Lombardsatzes), offenbar eine Folge der neuen Entente Colombo–Schiller, ein ausreichendes Gegengewicht abgeben können. Daß unter diesen Umständen etwa Schweizer Großbanken erst einmal zum Verkauf italienischer Renten raten, ist naheliegend, stört aber das Klima von neuem, das Rom zunehmend am Herzen liegt. "Gut Wetter" im Ausland liegt ihm sogar derart am Herzen, daß man sich dieser Tage nicht scheute, den schon am Kursverlauf klar ablesbaren Mißerfolg der 60 Millionen Schweizer-Franken-Anleihe zu 5 1/4 Prozent einer in Zürich ansässigen ENI-Holding glatt zu bestreiten – worauf der Konsortialführer, die Schweizerische Bankgesellschaft, offiziell eingestehen mußte, daß man auf einem Großteil sitzengeblieben ist.

Angesichts solcher Vorkommnisse machen an sich so begrüßenswerte Anstrengungen wie das auf Nachfragestimulierung im Inland abzielende Wirtschaftsförderungsgesetz und die Arbeiten für eine Aktienrechtsreform auch in Italien sofort weniger Eindruck. Die gerade von Schatzminister Colombo bestätigten guten Konjunkturaussichten, die Erwartung etwa von Fiat, Alfa Romeo und Lancia, 1969 bis zu 10 Prozent mehr abzusetzen, sowie die günstigen Abschlüsse 1968 verlieren etwas von ihrem Glanz.

Daß unter den repräsentativen Titeln im März nicht ein einziger Rückläufer zu entdecken war, ist sicher ermutigend. Der große Durchbruch aber hängt davon ab, ob Italiens Linke ihre Vorbehalte einer urkapitalistischen Einrichtung wie der Börse gegenüber entscheidend abbaut und sich so plausiblen Wünschen wie der steuerlichen Förderung von Börseneinführungen und der Zulassung von Auslandspapieren nicht länger widersetzt. Wolfgang Winter