Von Ernst Weisenfeld

Der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein, dem die Welt die ersten exakten Berichte über die Judenvernichtung verdankt und auf den Hochhuth im "Stellvertreter" zum erstenmal die Scheinwerfer richtete, scheint in keinem anderen Land so stark die Geister zu beschäftigen wie in Frankreich. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß er sein Leben im Pariser Cherche-Midi-Gefängnis beschloß und daß es kein authentisches Zeugnis für diesen Selbstmord gibt. Aber ganz sicher liegt hier auch ein Verdienst vor: Der Pariser jüdische Historiker Léon Poliakov, der an einem Sorbonne-Institut lehrt, hat sich schon frühe um Dokumente aus dem Leben Gersteins bemüht und sie im Mitteilungsblatt der Pariser jüdischen Gemeinde ausgebreitet. Hier ist Gerstein das erste Denkmal gesetzt worden. Die Behauptung, daß sein Name auf dem Mahnmal für die toten Juden in Paris eingemeißelt sei, ist Legende. Das Mahnmal trägt überhaupt keinen Namen – woher sollte man auch den Platz nehmen?

Von Poliakov ist Saul Friedländer unmittelbar angeregt worden; er ist Professor für neuere Geschichte in Genf und bekannt auch durch Arbeiten über Pius XII. und seine Beziehungen zum Dritten Reich. Sein vor zwei Jahren im Verlag Casterman erschienenes Buch liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor:

Saul Friedländer: "Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten"; aus dem Französischen von Jutta und Theodor Knust; Bertelsmann Sachbuch-Verlag, Gütersloh 1968; 208 Seiten, 4 Kunstdrucktafeln, 20,– DM.

Friedländer legt vor allem Dokumente vor und analysiert sie. Er bemüht sich auch festzustellen, wen Gerstein von den Vorgängen in den Vernichtungslagern unterrichtete, wie seine Berichte ins Ausland kamen und welches Echo sie fanden. Was er dabei an Reaktionen ermittelte, ist oft ebenso enttäuschend wie die Haltung vieler Deutscher im Dritten Reich.

In zwei Punkten bezieht Friedländer über das Ergebnis seiner Forschungen hinaus eine wertende Position: Er meint, daß Widerstand im Dritten Reich, wenn er Ziele erreichen wollte, wie Gerstein sie sich gesetzt hatte, nicht ohne eine, gewisse äußere Komplicenschaft möglich war. Er hält Gerstein für einen authentischen Mann des Widerstandes. "Seine .Schuld’", so schreibt er und setzt dabei Schuld in Gänsefüßchen, "bestand darin, daß er allein war."

Friedländer selbst meint, daß zur Aufhellung der .. Vorgänge in und um Gerstein nicht allein wissenschaftliche Forschung genügt, sondern daß die Feder eines Schriftstellers dazukommen muß. Eine solche Arbeit erscheint nun demnächst: