Von Helga M. Heller

Ich bin ein Zeitungsmuffel. Ich lese keine Tageszeitung. Tageszeitungen sind überflüssige Zeitfresser. Seit vier Jahren sorgt man sich darum, wie man den Herrn Bundespräsidenten los wird – er war noch lange da; seit zwei Jahren wird Springer enteignet – er ist immer noch da; seit sieben Jahren – aber wozu? Jeder verlängere die Liste nach Belieben. Nichts ändert sich. Und falls tatsächlich doch einmal Unvorhergesehenes passiert, dann hat’s doch Zeit bis zu den Mittagsnachrichten.

"Als überparteiliche Zeitung müssen wir dafür sorgen, daß unsere Leser das denken, was wir wollen!" – genau. Und ist vielleicht auch nicht mehr nachweisbar, ob Springer das nun tatsächlich wortwörtlich so gesagt hat, wie es in jenem Film "Ich – Axel Cäsar" heißt, so hat er es doch wortwörtlich wahrgemacht.

Lese ich aber die paar Nicht-Springer-Zeitungen: Wer versichert mir, daß ich da anders denken soll als der Herausgeber?

"Die Presse muß in der Hand der Regierung ein mächtiges Hilfsmittel werden, um in alle Enden des Reichs die gesunden Meinungen und die guten Grundsätze gelangen zu lassen. Die Presse sich selbst überlassen, heißt an der Seite einer Gefahr einschlafen. Heute ist es unmöglich, wie vor dreihundert Jahren bei der Umwandlung der Gesellschaft müßiger Zuschauer zu sein. Man muß, wenn man nicht untergehen will, alles leiten oder alles verhindern." Auch Springer? Nein! Hitler vielleicht? Auch falsch. Es ist diesmal von Napoleon I. Und daß der damals schon von der Umwandlung der Gesellschaft sprach – Napoleon bloß ein Vorausplagiator des kleinen Cohn-Bendit?

Ja, ich lese nicht die Zeitungen, von heute, ich lese die von vorgestern. Und wundere mich.

"Die Staatsgewalt wird verhöhnt, die Nation mißachtet, unsere Macht geschmälert", klagte Staatschef de Gaulle in jener Nacht am Fernsehschirm, "und durch wen? Leider, leider, leider durch Männer, deren Pflicht, Ehre und Daseinsgrund es hätte sein sollen, zu dienen und zu gehorchen! Französinnen und Franzosen, helft mir!"