Unser Kritiker sah:

TORQUATO TASSO

Schauspiel von Goethe

Theater am Goetheplatz, Bremen

Der Spielleiter und vier seiner fünf Darsteller hatten den Dampf möglicher Entrüstung schon vorher abgelassen: Bevor die Premierenbesucher in die Pause gehen durften, versuchten die Künstler, mit den Zuschauern in ein Gespräch zu kommen. Sie erklärten, was sie sich bei Goethes "Tasso" gedacht hatten, und legten einen Fragenkatalog über Theater und Gesellschaft vor.

Es spricht für die künstlerische Persönlichkeit des politisch engagierten Regisseurs Stein ebenso wie für die Lebendigkeit des Bremer Theaters, daß sie sich auf Goethes "Torquato Tasso" eingelassen haben. Der praktische Versuch, eines der edelsten Sprachkunstwerke der deutschen Klassik vom Inhalt her neu zu durchdenken, macht es interessant für junge Leute von heute. Und der sehr junge, nach der Münchner Deutschland-Premiere von Bonds "Gerettet" meteorhaft aufgestiegene Regisseur Peter Stein bekam durch seine Bremer "Tasso"-Inszenierung eine neue Bestätigung malgré lui: Er muß Theater machen, weil er so begabt dafür ist, auch wenn sich keine direkte politische Aktion damit bewirken läßt.

Was beabsichtigt war, haben Stein und Yaak Karsunke im Programmheft auseinandergesetzt: "den überflüssigen Zuckerguß der Hohen Kunst, mit dem das unnötige Elend überzogen wird", durchschaubar machen am Beispiel eines "Genies" (Tasso), mit dem "eine unmenschliche Ordnung sich ... ein Ventil ins allzu Menschliche" öffnet. Deshalb wurde durch Striche und Umstellungen im Text eine "Bremer Bühnenfassung" hergestellt: "Wir haben vornehmlich Poesie gestrichen Die Rolle des Geldgebers wurde erhalten."