Tasso ein Clown? – Seite 1

Unser Kritiker sah:

TORQUATO TASSO

Schauspiel von Goethe

Theater am Goetheplatz, Bremen

Der Spielleiter und vier seiner fünf Darsteller hatten den Dampf möglicher Entrüstung schon vorher abgelassen: Bevor die Premierenbesucher in die Pause gehen durften, versuchten die Künstler, mit den Zuschauern in ein Gespräch zu kommen. Sie erklärten, was sie sich bei Goethes "Tasso" gedacht hatten, und legten einen Fragenkatalog über Theater und Gesellschaft vor.

Es spricht für die künstlerische Persönlichkeit des politisch engagierten Regisseurs Stein ebenso wie für die Lebendigkeit des Bremer Theaters, daß sie sich auf Goethes "Torquato Tasso" eingelassen haben. Der praktische Versuch, eines der edelsten Sprachkunstwerke der deutschen Klassik vom Inhalt her neu zu durchdenken, macht es interessant für junge Leute von heute. Und der sehr junge, nach der Münchner Deutschland-Premiere von Bonds "Gerettet" meteorhaft aufgestiegene Regisseur Peter Stein bekam durch seine Bremer "Tasso"-Inszenierung eine neue Bestätigung malgré lui: Er muß Theater machen, weil er so begabt dafür ist, auch wenn sich keine direkte politische Aktion damit bewirken läßt.

Was beabsichtigt war, haben Stein und Yaak Karsunke im Programmheft auseinandergesetzt: "den überflüssigen Zuckerguß der Hohen Kunst, mit dem das unnötige Elend überzogen wird", durchschaubar machen am Beispiel eines "Genies" (Tasso), mit dem "eine unmenschliche Ordnung sich ... ein Ventil ins allzu Menschliche" öffnet. Deshalb wurde durch Striche und Umstellungen im Text eine "Bremer Bühnenfassung" hergestellt: "Wir haben vornehmlich Poesie gestrichen Die Rolle des Geldgebers wurde erhalten."

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Über das Soziologenlatein siegte in Bremen Goethe, weil der Regisseur erklärtermaßen zunächst einmal die formalen Ansprüche des Dichters "bedienen" wollte. Selten ist im Bremer Theater so gut gesprochen worden wie an diesem "Tasso"-Abend (den Tasso-Darsteller Bruno Ganz ausgenommen); die beiden Leonoren (Edith Clever und Jutta Lampe) sah man nicht oft so differenziert; so jung wie Werner Rehm war bisher wohl kein Darsteller des Pragmatikers Antonio: Die Aufführung kam auf diese Weise um ein Selbstporträt Goethes (als Gegenbild seiner tassohaften Sturm-und-Drang-Jahre) herum, Goethe schaute nur aus der Froschperspektive – als kleine, weiße Büste auf den grünen Bühnenboden gestellt – dem Bremer Treiben zu.

Der wunde Punkt für die Regie war der Herzog von Ferrara, der "Geldgeber". Nach den theoretischen Erläuterungen hätte er, der Macht mit Kunst drapiert, eine negative Figur sein müssen. Der Schauspieler Wolfgang Schwarz sprach jedoch, als ob er Goethe persönlich wäre. Nur nebenbei führte er die ironisierenden Gags aus, die ihm vom Regisseur aufgetragen worden waren. Während Peter Stein an Wolfgang Schwarz Stilgefühl scheiterte, führte Bruno Ganz bereitwillig die Clownerien aus, mit denen das "Genie" als Opfer der Mächtigen denunziert werden sollte.

Faszinierender als die inkonsequente Regie wirkten Arrangement und Bühnenbild. Wilfried Minks hatte vom Proszenium her rund um die leere Bühne eine Plexiglaswand geschlungen: glänzende "Verfremdung" von Klassizismus.

Johannes Jacobi