Hätte ich nicht zu entscheiden gehabt, ob ich die Einladung der ZEIT annehmen sollte, die Schrift von Jens Litten zu rezensieren, dann hätte ich kaum mehr als die ersten Seiten des Büchleins gelesen. Nach der Lektüre bin ich vollends überzeugt, daß es sinnlos ist und falsch wäre, mit Litten noch zu diskutieren. Sein Büchlein ist mir weder "unbequem", wie das der widerliche Klappentext vom Leser verlangt, noch bringt es neue Argumente, mit denen eine Auseinandersetzung lohnte. Es bestätigt lediglich Positionen, die wir von seinem Autor schon kennen.

Herr Litten hat sich als stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) in Hamburg und als stellvertretender Bundesvorsitzender des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) bis ins Jahr 1968, wie er jetzt entschuldigend sagt, "nur zu oft" gezwungen gesehen, sich mit der linken Studentenbewegung zu solidarisieren, um als links gelten zu können. Littens Opportunismus war schließlich AStA und SHB zuviel: bei den einen wurde er zurückgetreten, die anderen schlossen ihn aus. (Der Verlag betrachtet diese Daten zwar für die Werbung bei den Buchhändlern als geeignet; aber die Leser erfahren lediglich, daß der Autor "selber Beteiligter am ‚Aufstand der Studenten‘ war und ist".)

Nun macht der mittlerweile zum Mitherausgeber der "Neuen Gesellschaft", der wissenschaftlichen Hauspostille des SPD-Vorstandes, avancierte "profilierte Politiker der Hochschulgeneration" in seinem Büchlein großen Aufwand, gerade den Vorwurf des Opportunismus zurückzuweisen. Man muß ihm darin unbedingt recht geben, denn er bestätigt jetzt ganz klar, daß er tatsächlich kein opportunistischer Abweichler der Studentenbewegung war, sondern sich umgekehrt gegen diese opportunistisch verhalten hat.

In der Anfangsphase der Studentenbewegung, als diese noch anti-autoritär beschränkt war, ohne klare Kritik der technokratischen Hochschulreform und daher im Rahmen institutioneller Politik sogar als neue attraktive Blume interpretierbar, konnte Litten seine institutionellen Bindungen und Verbindungen mit seiner Rolle als Sprecher Hamburger Studenten noch taktisch ausbalancieren. Diese Rolle bot – für ihn und andere – hohe narzißtische Gratifikationen. Doch den Lernprozeß der aus der Apathie aufbrechenden Studenten hat er nur rhetorisch soweit mitvollzogen, daß er wendig Thesen zur technokratischen Hochschulreform interpretieren kann. Litten stellt sich als aufgeklärten, fortschrittlichen Technokraten dar. Als solcher verdrängt er von vornherein vollständig den revolutionären Identifikationspunkt, von dem die Studentenbewegung ihren Ausgang nahm: die Solidarisierung mit der Sozialrevolution der Dritten Welt am Beispiel Vietnams. Er will nichts als die technokratische Hochschulreform.

Der Spätkapitalismus gewinnt das Material für seine Reformen politisch und theoretisch durch die Ausbeutung sozialrevolutionärer Protestbewegungen und ihrer Kritik. Erst die sozialistisch inspirierte Studentenbewegung konnte in der Bundesrepublik die linken Hochschultechnokraten als politische Tendenz heraustreiben. Denn deren Aktionsfeld, auf dem allein sie sich selbständig bewegen können, sind jene Institutionen, die sich an den Hochschulen zur Selbstreform unfähig erwiesen haben.

Die revolutionären Gehalte der Hochschulrevolte konnten als abweichende Einzelheiten interpretiert werden, solange sie organisationspraktisch erst vage und relativ unverbindlich realisiert waren. Und solange konnten sich die verantwortungsbewußten Kräfte noch der Hoffnung erfreuen, es könne, womöglich durch praktische Intervention und Hilfe, gelingen, die Revolte als Reformbewegung zu stabilisieren. Spätestens im Herbst 1968 mußte diese Hoffnung scheitern, als die Antiautoritären aus den Erfahrungen der Oster- und Notstandsaktionen radikale Konsequenzen zogen, als sie ihre in plebiszitären Aktions- und Diskussionsformen bis dahin nur formal eingelösten Ansprüche auf innere Selbstbestimmung nun materiell zu realisieren begannen, um die Kraft zum Weitertreiben der Bewegung zu gewinnen.

Seitdem versteht Litten die revolutionären Studenten überhaupt nicht mehr. Als Möglichkeiten zur "Manipulation" und "Demagogie" hat er die autoritären Schwächen der plebiszitären Organisationsphase in der Studentenbewegung wahrgenommen und ausgenutzt. Sie gaben die Basis für sein bloß taktisches Verhältnis zur Revolte. Als diese mit ihrer Selbstbestimmung ernst zu machen begann, mußte sich Litten endgültig entscheiden. Er ging, ohne begriffen zu haben, was vor sich gegangen war.