Karl Dönitz: „Mein wechselvolles Leben“; Musterschmidt-Verlag, Göttingen 1968; 227 Seiten, 24,80 DM.

Für die einen war er „des Teufels Admiral“, der tragisch in verbrecherische Politik verstrickte Soldat. Für die anderen war er der Nazi in Blau, der Anhimmler seines Führers. Für alle, die ohne rechts und links zu schauen nur die Seekriegsgeschichte im Okular haben, war er einer der erfolgreichsten Marinebefehlshaber aller Zeiten, unter den deutschen der erfolgreichste überhaupt; und daß er die „Schlacht im Atlantik“ verlor, war, strategisch, taktisch, technisch gesehen, nicht seine Schuld: Das Bild des Karl Dönitz als Befehlshaber der Unterseeboote, sein Wehrpaßphoto sozusagen, ist klar, scharf und frei von Stock- und anderen Flecken.

Jedes andere Bild aber, daß man sich von ihm machen darf und muß (denn ein Porträt seiner Person ist zugleich eine indizienträchtige Röntgenaufnahme der Zeitgeschichte), ist unter- oder überbelichtet, verzerrt oder allzu akkurat retouchiert und jedenfalls umstritten. Er war eben nur der Experte für U-Boot-Kriegführung. Vom Befehlshaber der Unterseeboote stieg er auf zum Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, zum Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, zum Staatschef, zum unmittelbaren Nachfolger Hitlers, zu dessen Kapitulations-Konkursvollstrecker. So kurz sie war – es war eine für einen deutschen Militär beispiellose Karriere, wenn auch das, was damals wie ein steiler Aufstieg wirkte, in der Tat hinab in die Zuchthauszelle führte. Karl Dönitz hat keine völkerrechtlich verpönten Kriegsverbrechen begangen. Das steht fest. Und auch das ist unbestritten: Er war der erste und einzige deutsche Admiral, der das noch meerbeherrschende Albion (so man die Metapher vom „Völkerringen“ einmal wortwörtlich anwenden mag) nicht nur in den „Schwitzkasten“ nahm, sondern an die Gurgel packte. „Sehr knapp“, so schreibt Captain Roskill, der Seekriegshistoriker der britischen Admiralität, sei England im Frühjahr 1943 der Niederlage entgangen. Karl Dönitz hat, wie jeder Mann mit ausgeprägtem Waffenstolz, seine (U-Boot-)Waffe überschätzt; und Spekulationen darüber, was geschehen wäre, wenn die „Wolfsrudel“ seiner Boote im Atlantik gesiegt hätten, sind müßig.

In seinem Buch Zehn Jahre und zwanzig Tage, zuerst 1958 erschienen, hat er die Krisenlagen, beim Gegner wie auf deutscher Seite dargelegt, hat er sich durchaus maßvoll gerechtfertigt. Es ist eines der besten, wichtigsten Bücher über den Seekrieg. In einem Aufsatz über „Die Schlacht im Atlantik in der deutschen Strategie des Zweiten Weltkrieges“ (in der Marine-Rundschau, April-Heft 1964) hat er seine Überlegungen noch einmal präzisiert. In all’ diesen Darlegungen tritt die Person Dönitz so weit hinter die Sache zurück, wie es nur möglich ist, ohne falsche Bescheidenheit zu demonstrieren. Doch wie war er selbst, wie ist er geworden, hat er sich entwickelt, was trieb, was zügelte die Person, die von der Sache schließlich nicht zu trennen ist?

Karl Dönitz hat jetzt eine Art Selbstporträt vorgelegt. Er hat, zum zweiten Male, abseits von Rechtfertigung in Strategie und Taktik geschrieben. Zum ersten Male hatte er’s 1917 getan. Da berichtete der Oberleutnant zur See Dönitz über Die Fahrten der „Breslau“ im Schwarzen Meer, jenes Kleinen Kreuzers, auf dem er das erlebte, was man damals die „Feuertaufe“ nannte. Eines der Kapitel heißt „Endlich ran an den Feind!“, und das schon charakterisiert Stil und Art der Schrift. Im Alter hat sich der Hurra-Patriotismus gelegt. „Mein wechselvolles Leben“ ist der Titel des Buches, in dem Karl Dönitz sich nun gleichsam „menschlich gesehen“ vorstellt.

Um es vorwegzunehmen: dieser Lebensbericht, angenehm zu lesen, weil frei von hochtönenden Phrasen, trägt wenig dazu bei, das in der Zeitgeschichte schwankende Bild des Großadmirals zu festigen. Er weckt freilich mehr Verständnis für den Seeoffizier Karl Dönitz, geboren 1891, in die Kaiserliche Marine eingetreten 1910, für den Mann aus gutkleinbürgerlicher Familie, Vater Ingenieur. Übrigens ist er seit seinem vierten Lebensjahr ohne Mutter aufgewachsen.

Karl Dönitz war – und sein Buch gibt dafür Anhaltspunkte in Fülle – ganz und gar ein Sprößling jener Zeit, die voller militaristischnationalistischer Romantik war. „Es beeindruckte uns gewaltig“, erinnert er sich an den Geschichtsunterricht in der Schule, „daß nach verlorener Schlacht (von Jena) und bei der allgemeinen Flucht jedoch ein preußisches Regiment in vollkommener Ordnung mit klingendem Spiel abgezogen war.“ Und wie er das schreibt, kann dem kritischen Leser der Gedanke kommen: Ja, so, mit „klingendem Spiel“, mit dem Großadmiralsstab salutierend, so wäre er wahrscheinlich selbst gern abgetreten in der „allgemeinen Flucht“ des Jahres 1945.