Von Gert Kreyssig

Ein Glück, daß es neben vielen schon leicht betriebsblind gewordenen oder in theoretischen Überlegungen versunkenen oder nur ans Geschäft denkenden Touristikfachleuten noch Leute gibt wie den Pfarrer Paul Rieger von der Evangelischen Akademie Tutzing. Mit gleichgültigem Schulterzucken quittiert. er, daß man ihn vor ein paar Jahren wegen einer trefflichen Beobachtungsstudie über den Urlaub an der Adria Amore-Pfarrer genannt hatte. Jetzt gibt es eine These von ihm, die das vielfach mit Sozialromantik kaschierte Bild vom Familienurlaub entblättert: "Familienurlaub soll in erster Linie Elternurlaub sein. Die Eltern müssen Ruhe für die Liebe haben."

Pfarrer Rieger, Vater von vier Kindern, entwickelte seine Gedanken über das Ferienglück der Familie bei der kürzlich veranstalteten Tourismusbörse in Berlin. Die Statistik kann mit Zahlen belegen, daß die Möglichkeiten für Familien, regelmäßig und gemeinsam in den Ferien zu verreisen, noch immer gering sind. Der Studienkreis für Tourismus behandelte deshalb diese "unterprivilegierte Urlaubsschicht" in Referaten und Diskussionen.

Wollen Väter, Mütter und Kinder überhaupt gemeinsam Ferien machen? Schon scheiden sich die Meinungen und Fragebogenergebnisse. Während 89 Prozent der Mütter angeben, Ferien mit den Kindern machen zu wollen, wird andererseits gesagt, daß die Mehrzahl der Mütter nicht ungern einmal auf die Kinder verzichten würde, die Mehrzahl der Väter hingegen die Ferien mit den Kindern verbringen will. Gelegentlicher Grund: schlechtes Gewissen wegen mangelhaften Familienkontakts während der übrigen Zeit des Jahres. Der Mann sucht die Gegenpolung (Pfarrer Rieger), will im Urlaub Familie und Hobby, will das, für was er zu Hause keine Zeit hat. Die Gegenpolung der Frau wiederum ist das, was ihr im Alltag fehlt. Das sind nicht die Kinder, ist nicht das Bettenmachen und Abspülen, es ist der Mann. "Den möchte sie im Urlaub haben."

Ferienwohnungen, Bungalows, Campingplätze – das sind meist aus finanziellen Gründen die Feriendomizile der Familien mit mehreren Kindern. "Familienferienstätten müssen so sein", sagt Professor Münchow von der Forschungsstelle für Sozialmedizin der Universität Hamburg, "daß die Mutter von der üblichen Hausarbeit völlig entlastet wird, also auch nicht kochen muß." Siehe da: Es gibt Erhebungen, wonach 70 Prozent der Männer angeben, daß sie und die größeren Kinder im Urlaub fast alles erledigen, so daß die Mutter die Hände in den Schoß und das Gesicht in die Sonne legen kann.

Was ist überhaupt Sinn und Zweck des Familienurlaubs? In manchen Bürostuben spricht man noch immer von Regeneration: Die leidende Mutter, das kränkelnde Kind "müssen gesund werden". Soziologen meinen, daß oft schon Tapetenwechsel und Luftveränderung Wunder wirken. Über die Urlaubsdauer wird gesagt, was nicht ganz neu ist: Drei Wochen sind das Minimum, bei vier Wochen wird eigentlich erst der richtige Erholungseffekt erzielt, aber 14 Tage Familienferien sind besser als gar keine. Und allgemein: Kindern unter zwei Jahren sollte man den Tapetenwechsel ersparen, sie fühlen sich zu Hause am wohlsten.

Schon Familien mit ein bis zwei Kindern schwimmen, wie die Statistik sagt, mit einigem Handikap in der großen Reisewelle. Um die Familienferien in eine bessere Zukunft zu führen, gibt es praktikable und groteske Vorschläge. Grotesk zum Beispiel: Man solle kinderreichen Müttern Gelegenheit geben, durch Halbtagsarbeit Geld für den Urlaub zu verdienen. Praktikabel zum Beispiel: die Oster- und Pfingstferien zu konzentrieren; verstärkte Finanzhilfen zur Errichtung ausgesprochener Familienferiendörfer, in denen Hilfskräfte den Müttern vom Bettenmachen bis zum Kochen alle Arbeit abnehmen.