Von Wolfgang Schmidbauer

Der Patient hatte eine Jugendgruppe geleitet, ehe er in Untersuchungshaft kam. Zu Frauen hat er nie Kontakt gehabt. Sie stoßen ihn ab, was er darauf zurückführt, daß ihn dreimal erheblich ältere Frauen verführen wollten. Sein erotisches Leitbild sind 14jährige; schon entsprechende Reklamebilder regen ihn auf. Die Anklage beschuldigt ihn unzüchtiger Handlungen in Gegenwart von Schülern seiner Jugendgruppe. Er hatte seine Schützlinge aber nicht berührt, sondern nur in ihrer Anwesenheit onaniert.

Dieser Mann, ein Beamter, der wohl wußte, daß seine Neigung ihn beruflich ruinieren mußte, war einer der drei Homosexuellen, welche die Göttinger Neurochirurgen Prof. Dr. F. Roeder und Dozent Dr. D. Müller mit einem "stereotaktischen" Eingriff direkt in das Gehirn behandelten. Stereotaktisch bedeutet, daß dabei ein in jüngster Zeit von den Nervenchirurgen entwickeltes Zielgerät verwendet wurde, das es ihnen ermöglicht, genau umgrenzte Hirnteile bei vollem Bewußtsein des Kranken anzupeilen, elektrisch zu erregen und auch mit einem stärkeren Stromstoß zu koagulieren, das heißt ein für allemal zu zerstören.

Der Gedanke, therapiewilligen Sittlichkeitsverbrechern mit einer Gehirnoperation zu helfen, lag nahe, seit man in vielen Tierversuchen experimentell ermittelt hatte, daß es verschiedene Gehirngebiete gibt, deren elektrische Reizung Tiere abnorm leicht sexuell erregbar macht. Das wichtigste von ihnen liegt in einem Nervenkern im sogenanten ventromedialen Hypothalamus an der Übergangsstelle zwischen Gehirn und Rückenmark, von wo aus zahlreiche lebenswichtige Körperfunktionen gesteuert werden. Katzen werden hypersexuell, wenn man "höhere" Gehirnzentren (die Mandelkerne und den pyriformen Cortex) zerstört; diese Hypersexualität läßt sich durch Zerstörung jener hypothalamischen Nervenkerne wieder korrigieren.

Die subtilen Operationen mit dem stereotaktischen Zielgerät haben mit der "Psychochirurgie" alter Schule nichts mehr zu tun, mit der man (eines der dunkelsten Kapitel der Psychiatrie) in den ersten Nachkriegsjahren vor allem in Amerika viele Geisteskranke zwar von ihren Wahnvorstellungen und Erregungszuständen weitgehend befreite, zugleich aber auch irreversible Persönlichkeitsschäden (Enthemmung, Gleichgültigkeit, Verblödung) verursachte. Operationen wie die präfrontale Lobotomie sind dank der Psychopharmaka überflüssig geworden; eine Abneigung vieler Ärzte und Psychologen gegen die "Psychochirurgie" blieb. Aber wenn man die Arbeit von Roeder und Müller in der Deutschen medizinischen Wochenschrift (Band 94, Seite 409) liest, erkennt man, daß hier wirklich mit größtmöglicher Sorgfalt vorgegangen wurde. Die Alternative hieß ja in diesen Fällen nicht Heilung durch Psychotherapie – einer der drei Kranken war trotz jahrelanger Psychoanalyse homosexuell geblieben –, sondern Sicherheitsverwahrung oder freiwillige Kastration.

Kein Neurochirurg kann einen Homosexuellen punktuell von seiner Eigenart befreien. Die Göttinger Neurochirurgen erwarteten von der Elektrokoagulation der für das Sexualverhalten verantwortlichen Zentren im Hypothalamus nur eine wesentliche Verbesserung der Selbstkontrolle ihrer Patienten. Sie zerstörten deshalb diese Nervenzentren auch lediglich auf einer Seite, und zwar der Subdominanten (im allgemeinen ist bei Linkshändern die rechte, bei Rechtshändern die linke Gehirnhälfte dominant). Dadurch sollten die sexuellen Impulse beherrschbar werden, ohne daß sich die Homosexuellen der seelisch erheblich schwieriger zu verkraftenden Kastration unterziehen mußten, die ja eine normale Ehe auch dann ausschließt, wenn sich die Triebrichtung noch ändern sollte.

Während des Eingriffs war der Patient voll bei Bewußtsein. Die durch das stereotaktische Zielgerät angepeilten Zentren wurden zuerst mit einem schwachen elektrischen Strom gereizt und danach zerstört. Als der Patient im "sexbehavior-center" (da fast die gesamte Grundlagenforschung auf diesem Gebiet in den USA stattfindet, haben die Gehirnzentren meist auch amerikanische Namen) gereizt wurde, sagte er: "Ein angenehmes Gefühl, das vom Magen hochsteigt. Im Augenblick des Reizes fühle ich mich geborgen ... Sehr angenehmes Gefühl, das durch den ganzen Leib bis zum Kopf hinzieht..."