Es war eine Reise der unguten Gefühls. Premierminister Wilson flog nach Lagos und Addis Abeba zu einem Zeitpunkt, da die offene Rebellion seines alten Rivalen James Callaghan gegen die Kabinettspolitik in Sachen Gewerkschaftsreform seine Anwesenheit in London dringend erfordert hätte. Er sicherte dem General Gowon in Lagos weitere britische Waffen für Nigeria zu, obwohl ihm daheim in England nichts so sehr die dringend benötigten Wählersympathien eingetragen hätte wie ein Ende des Rüstungshandels mit der nigerianischen Zentralregierung.

Aber darüber denken Wilson und das Foreign Office anders. Für sie sitzt in Lagos die rechtmäßige Regierung, und Biafra ist ein Rebellenstaat. Wollte man das ignorieren, wäre das Ende des Commonwealth nahe. In jedem zweiten seiner Mitgliedstaaten gibt es Sezessionsbestrebungen. Anguilla ist ein jüngstes Beispiel. In Trinidad fürchtet man den Abfall von Tobago. In Kanada rumort es in den französischen Gebieten. Und murren nicht in Großbritannien selbst die Waliser und die Schotten, von den Nordiren ganz zu schweigen? Dies vorausgesetzt, konnte man von Wilsons Besuch in Nigeria keine Änderung seiner Politik erwarten.

Freilich hat der Waffenhandel neuerdings einen Aspekt, der über die britischen Legalitätsvorstellungen hinausreicht. Gowon hat Wilson zwar nicht unmittelbar unter Druck gesetzt mit dem naheliegenden Hinweis, daß ein Stopp britischer Waffentransporte von den sowjetischen Lieferanten nur zu gern ausgeglichen würde. Aber der General hat, während Wilson in Nigeria und in den besetzten Teilen Biafras herumreiste, seine Iljuschin-Bomber munter weiterfliegen lassen, zum Zeichen dessen, daß er von Londoner Beistand keineswegs abhängig ist.

Gowon ist von der jüngsten amerikanischen Kritik an seinem Bombenkrieg gegen biafranische Dörfer zwar durchaus beeindruckt. Nixons Sonderbeauftragter für das amerikanische Nigeria/Biafra-Hilfswerk, Ferguson, nannte die Bombardierungen "wahllos und brutal", und nicht viel anders hat sie auch der britische Premierminister bezeichnet, als er Gowon die Reaktion der britischen Öffentlichkeit und des Parlaments von Westminster mitteilte. Gowon versicherte Wilson, er habe seiner Luftwaffe strenge Anweisungen erteilt, nur rein militärische Ziele zu bombardieren. Entschuldigend fügte er jedoch hinzu, seine ausländischen Piloten könnten sich auf der Landkarte Afrikas nicht so genau auskennen.

Gowon hat offensichtlich nicht versucht, Wilson um eine Erhöhung des Waffenkontingents zu bitten. Zwar möchte der General seine Armee vor allem mit mehr Artillerie bestücken, aber da würde das britische Unterhaus gegenwärtig nicht mitmachen; auch jener Teil der beiden großen Parteien, der die Verträge einhalten will und mit Lagos sympathisiert, hält eine Eskalation in Nigeria für unerträglich. Selbst im Kabinett würde Wilson auf Widerstand stoßen. Die Munitionskistennach Lagos werden South- ampton wie bisher verlassen: nicht mehr, aber auch nicht weniger.

War die Reise vergebens? Praktische Resultate kann Wilson nicht vorzeigen. Er ist von der Aussichtslosigkeit eines Vermittlungsversuchs überzeugter denn je. Gowon will nur auf der Basis verhandeln, daß die Einheit Nigerias nicht angetastet wird. Das setzt eine militärische Niederlage Biafras voraus oder aber den Sturz Ojukwus oder seines Widersachers in Lagos. England kann nicht mehr tun als abwarten. Auch die afrikanischen Staaten, in deren organisatorischem Hauptquartier in Addis Abeba der britische Premierminister anschließend konferierte, sehen derzeit keine andere Alternative als Sieg oder Kapitulation, so lange beide Seiten auf dem "Alles oder nichts" beharren.

Dennoch wäre es abwegig, die Reise Wilsons als überflüssig zu bezeichnen. London und Lagos unterhalten rege Wirtschaftsbeziehungen, unter denen der Waffenhandel nur einen Bruchteil einnimmt. Die Investitionen Englands in Nigeria sind so beträchtlich, daß sie den Besuch eines britischen Regierungschefs in Lagos alle drei Jahre ohne weiteres rechtfertigten. Auch wenn die Friedensbemühungen erfolglos bleiben, läßt sich die Londoner Regierung nicht davon abhalten, den "normalen" Kontakt mit einem langjährigen Partner aufrechtzuerhalten.

Karl Heinz Wocker