Von Wolfgang Schmidbauer

Was veranlaßt einen Menschen, den Beruf – oder ist es eine Berufung? – des Sexualforschers zu ergreifen? Was treibt ihn an, jener paradoxen Neugier zu frönen, die in der Formel "Umfrage in der Intimsphäre" beschlossen ist? Warum registriert er, wie die amerikanischen Forscher William H. Masters und dessen Assistentin Virginia E. Johnson, an die 10 000 "sexuelle Zyklen", bastelt Maschinen, deren Elektromotoren einen künstlichen Koitus gestatten (das Glied ist aus Plexiglas und erlaubt höchst intime Filmaufnahmen) oder fordert einen neunundachtzigjährigen Mann auf, vor der Filmkamera zu masturbieren?

Solche. Fragen sind selbstverständlich in den Handbüchern der Sexualforschung ausgeklammert, obschon man neben vielen klugen und kritischen Bemerkungen zur Psychologie und Soziologie der Sexualität auch Vermerk zur eigenen Psychologie und Soziologie gewünscht hätte. Nein, nicht erwartet. Meines Wissens gibt es nur eine ehrliche Analyse der Beziehung eines Forschers zu seiner Wissenschaft: Theodor Reiks "Wie man Psychologe wird". Aber das ist schon lange her. Heute, in Sigmund-Freud-Instituten etabliert, ziehen viele Psychoanalytiker die (berechtigte) Kritik an der Gesellschaft der (ebenfalls berechtigten) Selbstkritik vor. Wozu Eigenanalyse, wenn man schon in der Lehranalyse alles erfahren hat?

Theodor Reik glaubte, daß man Psychologe wird, um – bildlich gesprochen – die Grenze zum eigenen Unbewußten besser bewachen zu können. Das hilft in einer Betrachtung der Motive des Sexualwissenschaftlers nicht weiter. Man könnte das Rüstzeug der Amateur-Psychologie einsetzen und sich fragen: Bestimmt Neigung oder Kontrast den Berufswunsch? Befaßt sich der Sexologe mit seinem Gegenstand – der Sexualität –, weil ihm dieses Thema besonders liegt, weil seine privaten Erfahrungen damit höchst erfreulich sind, oder tut er es, weil er einen Mangel verspürt, den er, wissenschaftlich "sublimiert", zu überwinden sucht? Aber das ist, wie gesagt, Amateur-Psychologie. Die Wirklichkeit sieht sicher anders aus, komplizierter – wie sie etwa Ben Witter in einem (energisch dementierten) ZEIT-Gespräch mit Professor Hans Giese zu fassen suchte.

Was bleibt übrig, als sich auf die Resultate der Sexualforschung selbst zu konzentrieren? Gute Gelegenheit dazu bietet –

Hans Giese (Herausgeber): "Die Sexualität des Menschen" – Handbuch der medizinischen Sexualforschung; Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart; 1. Lieferung mit 139 Abbildungen und 21 Tabellen, 586 S., 63,– DM.

Das Werk ist informativ, wo es über empirischpsychologische und soziologische Befunde berichtet; wenig überzeugend, sobald es diese Befunde theoretisch zu ordnen sucht, hilflos, weil überfordert, sobald die Frage nach dem Sinn der Sexualität auftaucht.