Von Petra Kipphoff

Von einer bis dato unbekannten Krankheit, die Englands Ärzte (und Psychiater) in zunehmendem Maße beunruhigt, berichtete kürzlich die Sunday Times: Allein in London waren 300 schwere Fälle von "slimming sickness" bekannt geworden, junge Mädchen hätten: sich, meist gruppenweise, so sehr aufs Abmagern konzentriert, daß sie gar nicht wieder aufhören konnten. Um sie vor einem Suppenkasper-Ende zu bewahren, mußten sie hospitalisiert werden. Wozu ein Londoner Psychiater meinte: "Wo immer es zur Twiggy-Mode kommt, sind letale Folgen unausweichlich."

Modeerscheinungen mit letalen Folgen sind nun gewiß keine Neuigkeit, auch die Werther-Erkrankten wollten sich ja nicht.-mit dem blauen Frack, der gelben Weste und dem ungepuderten Haar begnügen, auch sie liebten das Leben durchaus nicht genügend. Aber noch eins will an diesem ungleichen Paar beziehungsweise seiner fanatischen Gefolgschaft auffallen: Werther und Twiggy wurden zur Seuche,, obwohl sie einen Typ kreierten, der beim andern Geschlecht kaum gefragt war. Frauen schätzen Jünglinge mit hohlen Wangen und Poesie auf den Lippen nur zeitweise und als Dekoration, und Manier bevorzugen die von oben bis unten ebenmäßigen Mädchen auch mehr für Show-Zwecke als für den Hausgebrauch.

Dafür, daß solche Phänomene dennoch immer wieder auftauchen, haben die Wissenschaftler natürlich haufenweise Erklärungen und, von der Neurose bis zur Frustration, gewiß auch hinreichend termini technici zur Hand. Auch wenn nicht der wohlbekannte ungeklärte Rest auch hier übrigbliebe: den Werthers und Twiggys selber wird dadurch nichts von ihrer Aura genommen.

Und auch nicht dadurch, daß das, was jemand wie Twiggy der Welt über sich selber mitzuteilen weiß, höchst verständlich ist und von ähnlich eindimensionaler Beschaffenheit wie ihre Figur –

"Twiggy über Twiggy"; Franz Schneider Verlag, München; 79 S., 3,80 DM.

Hier erzählt Twiggy also von ihrer ärmlichen, aber reinlichen Kindheit, von Mum und Dad (die trotz der millionenschweren Tochter heute selbstverständlich noch so leben wie früher schon), von ihrem Entdecker, Freund und Beschützer Justin de Villeneuve, von ihrem ersten kleinen und dem dann rasch folgenden ganz großen Erfolg.