Die Autoindustrie läuft auf vollen Touren – soweit es die Produktion von Personenkraftwagen betrifft. Hier findet neben dem saisonüblichen Frühjahrsgeschäft jetzt auch die Deckung des Nachholbedarfs statt, der hauptsächlich im Jahre 1967 entstanden war, als Entlassungen und Kurzarbeit die "Konsumfreudigkeit" breiter Bevölkerungskreise hatten schrumpfen lassen. Mit Spannung wartet man in den Börsensälen darauf, ob sich die Produktion auf dem jetzigen Stand halten läßt. Immerhin zeigt der vorliegende Auftragsbestand (und die daraus bei manchen Typen resultierenden Lieferzeiten), daß – wenn nicht außergewöhnliche Ereignisse (unter anderem Aufwertung der Mark) eintreten – das Jahr 1969 einen neuen Umsatz- und Gewinnrekord bringen wird.

Das würde allein ausreichen, um die Aufmerksamkeit der Anleger auf die Autoaktien zu ziehen. Doch deshalb stehen sie nicht im Mittelpunkt des Börsengeschäfts. Vielmehr sind es die spekulativen Gesichtspunkte, die viele Leute anlocken. Um die Gerüchte, wonach sich BMW und Daimler demnächst in ähnlicher Weise zusammenfinden werden wie jetzt das Volkswagenwerk und NSU, ist es wieder stiller geworden. In allernächster Zukunft wird sich hier nichts tun, aber die Börse hält dies nur für ein aufgeschobenes Problem.

Zu ständigen Schwankungen kommt es in den NSU-Kursen. Wie es scheint, wird es bis zur letzten Minute offenbleiben, ob die Verwaltung für ihre Fusionsvorschläge auf der Hauptversammlung die erforderliche Dreiviertelmehrheit der Stimmen erhält. Hinter den Kulissen wird eifrig ver- und auch gehandelt. So soll – wie man in Börsenkreisen wissen will – die Dresdner Bank ihr NSU-Paket inzwischen auf 17 Prozent, verstärkt haben. Die Deutsche Bank wird im Namen ihrer Kunden ein Paket von 8 Prozent des NSU-Aktienkapitals vertreten. Noch steht nicht fest, welche Empfehlungen sie ihrer Depotkundschaft zu den einzelnen Tagesordnungspunkten geben wird. Die bisher gegebenen Informationen reichen ihr für eine Urteilsbildung nicht aus.

Die NSU-Aktie ist nicht der einzige Komet am Börsenhimmel. Immer wieder tauchen neue auf – und verschwinden wieder. Da niemand vorauszusagen vermag, welches Papier als nächstes an der Reihe ist, gleicht die Börse in ihrer jetzigen Phase etwa einem Spielsaal. So hat die "kleine Hausse" in Frisia-Aktien ihr vorläufiges Ende gefunden. Der Kurs fiel rasch um rund 20 Punkte auf 128 Prozent zurück. Auf dieser Basis setzten die Käufe wieder ein, Sind es nur spekulative Erwägungen, die dahinterstecken? Oder kauft sich hier jemand heimlich eine Schachtelbeteiligung, um einen Fuß in der Tür zur deutschen Ölindustrie zu bekommen? Soll die vorsorgliche Kapitalerhöhung lediglich der Abwehr eines unerwünschten Aktionärs dienen? Oder weiß die Verwaltung heute wirklich noch nicht, wen sie einladen soll, ein Drittel des Aktienkapitals zu übernehmen?

Zu den immer wiederkehrenden Börsenkometen gehört die Aktie der Chemie-Verwaltung, die in letzter Zeit neue Höchstkurse erklomm. Solange die Mehrheitsverhältnisse nicht eindeutig geklärt sind und Hoechst und Bayer hier im Wettstreit liegen, wird für die Chemie-Verwaltungs-Aktie viel gezahlt werden. Was geschieht aber mit dem Kurs, wenn die beiden großen Frieden schließen? Und wenn dann kein Abfindungsangebot an die freien Aktionäre kommt? K. W.