Wenn die Hoffnung sich an so zerbrechliche Zweige klammert wie eine angebliche "menschliche Natur", die ausschließlich aus Zärtlichkeit und Güte besteht, wenn sie als Voraussetzung für ihre Verwirklichung die Zerstörung und die Tyrannei fordert, ist sie keine Hoffnung mehr. Dann ist sie Selbsthaß und Haß des Lebens.

Françoise Giroud

Appell an die Standhaftigkeit

Zu den Besorgnissen der für den Westdeutschen Rundfunk tätigen Journalisten, sie sollten künftig zur "Amtshilfe" verpflichtet werden und dann zum Beispiel über Demonstrationen nicht mehr berichten, sondern sie rechtzeitig den staatlichen Behörden melden (siehe Nina Grunenbergs Artikel in unserer letzten Ausgabe), gab jetzt der Vorsitzende des WDR-Verwaltungsrats, Josef Hermann Dufhues, eine Erklärung, ab: "... diese Frage ist nur zu verstehen als Appell an das demokratische Verantwortungsbewußtsein der Mitarbeiter des WDR gegenüber den vielfältigen Erscheinungen der Unruhe und der Störung der öffentlichen Ordnung durch einzelne radikale Gruppen. Falls ein Mitarbeiter des WDR von der Absicht einer ernsthaften Störung der öffentlichen Ordnung Kenntnis erhält, soll er nach Meinung des Verwaltungsrats in besonders schwerwiegenden Fällen den Intendanten unterrichten. Der Intendant entscheidet in eigener Verantwortung, ob und in welchem Umfang er seinerseits staatliche Stellen informiert." Von einer Anzeigepflicht also ist nicht mehr die Rede; aber die beunruhigten, Journalisten hatten dennoch nicht falsch verstanden: Es bleibt der Appell in dem befürchteten Sinn. Und mit ihm bleibt es die prekäre Pflicht der Journalisten bis hinauf zum Intendanten, sich gegen alle Versuche zu behaupten, die aus ihrer Anstalt einen Staatsrundfunk machen wollen.

Wohnbezirksausschußkultur

"Neues Deutschland ist stolz: "Seit der Neuwahl der Ausschüsse der Nationalen Front hat das geistig-kulturelle Leben in vielen Städten und Gemeinden der Republik einen großen Aufschwung genommen." "Neues Deutschland" gibt auch Beispiele. So haben im Stadtbezirk Leipzig Südwest neun Wohnbezirksausschüsse mit wichtigen Betrieben und dem Klubhaus "Arthur Nagel" einen "ehrenamtlichen Kulturbeirat" gebildet, der "alle Potenzen koordinieren" soll. In Leipzig Nord "beschlossen" vier Wohnbezirksausschüsse mit Vertretern von Oberschulen und Betrieben, "die gemeinsame Entwicklung des geistig-kulturellen und sportlichen Lebens". Weiteres Anzeichen des Aufschwungs: "Die Ausschüsse gehen mehr und mehr zu langfristigen Programmen über." Alle Aktivitäten zielen auf einen Höhepunkt zum 20. Jahrestag, der Republik hin. Leipzig wird dabei ein "großes Wohngebietsfest im Kulturpark ‚Clara Zetkin‘ " durchführen.

Karajaneurologie

Es wird ernst gemacht um Herbert von Karajans im letzten Jahr angekündigte Stiftung zur wissenschaftlichen Erforschung der neurologischen Zusammenhänge zwischen Musik und menschlicher Physis. Am 8. April wird in Salzburg das erste Symposion der Stiftung stattfinden, an dem unter anderen auch Nobelpreisträger Werner Heisenberg teilnehmen wird. Während der Orchesterhauptprobe zum "Siegfried" anläßlich der diesjährigen Osterfestspiele wurden Untersuchungen zur Erforschung der Zusammenhänge von Musik, Emotion und Vegetativum durchgeführt, für die sich Karajan persönlich zur Verfügung stellte. Die werden doch hoffentlich nichts Beunruhigendes entdeckt haben!