Moskau, Ende März

Er sagte, er sei der Schriftsteller Solschenizyn. Die Kellner im Moskauer "Slawjanskij-Bazar" setzten sich beflissen in Trab, die Gäste in der Nachbarschaft steckten die Köpfe zusammen. Er winkte der Kapelle, bestellte russische Volkslieder und machte sich mit einer jungen Schönen einen fröhlichen Abend. Anderntags kam er wieder – mit einer anderen Schönheit.

Der Schriftsteller Solschenizyn hatte seine Lebensweise offenbar völlig geändert. Das schien auch sein Anruf bei der Direktorin einer Schauspielschule zu bestätigen, mit dem er sich zwei besonders hübsche Schülerinnen für den Vortrag seiner Gedichte erbat. "Sie schreiben jetzt auch Gedichte?" Die Direktorin war erstaunt und erschreckt zugleich. Da es sich um Solschenizyn handelte, war Vorsicht am Platze. Ob er denn öffentlich auftreten dürfe? "Aber das ist doch alles geregelt", versicherte der Anrufer. Die Direktorin sah keinen Grund, ihm nicht zu helfen.

Am anderen Tag allerdings hörte sie von einer Schülerin, daß der bekannte Schriftsteller den eigentlichen Grund der Verabredung offenbar vergessen hatte. Von Literatur war nicht die Rede gewesen. Da zog die Direktorin Freunde Solschenizyns zu Rate, die den Meister unterwegs in Nordrußland wußten. Beim nächsten Rendezvous standen die Freunde im Hintergrund: "Alexander Issajewitsch?" Der Mann fuhr herum: kein breitschultriger Solschenizyn, der sich einen vollen Bart von beiden Backen um das Kinn hat wachsen lassen, sondern eine schmale Figur, bartlos, auf der hervorspringenden Nase eine große Brille.

Ein plumper Hochstapler? Schizophren, wie er grinsend von sich selbst behauptete? Bestellt, um Solschenizyn in Verruf zu bringen? Oder wollte er einmal im Leben die Rolle eines Berühmten spielen und genießen? Das alles war im Augenblick noch nicht zu klären. Wohl aber hatte ein wackerer Beamter auf dem nächsten Polizeirevier bald herausgebracht, daß der falsche Solschenizyn stellvertretender Direktor einer Mittelschule für Schauspieler in Moskau ist.

Wenn der Mann auch schlecht gespielt hat, kalkuliert hatte er richtig: Kein Schriftsteller ist hier so bekannt und zugleich so unbekannt wie Solschenizyn. Nur ganz wenige wissen, wie er aussieht. Das letzte Photo erschien vor sieben Jahren. U. S.