Von Jean Améry

Selten antworten philosophisch-soziologische Überlegungen so direkt und total dem Anruf und der Forderung des Tages wie die hier zur Rede stehenden –

Max Horkheimer: "Kritische Theorie"; S. Fischer Verlag, Frankfurt; zwei Bände, 376 und 358 S., je 25,– DM.

Als Max Horkheimer in den Jahren 1932 bis 1940 seine Aufsätze in der Zeitschrift für Sozialforschung veröffentlichte, erst in Leipzig, danach in Paris, schließlich in New York, hatte die Geschichte über viele der durchdachten Probleme noch nicht ihr. entscheidendes Wort gesprochen. Der Kapitalismus konnte noch nicht (mit anzweifelbarer Legitimation zwar, aber doch nicht ohne sinnfällige Exempel) auf seine soziale Humanisierung pochen; der Stalinismus hatte sich noch nicht in seiner ganzen Abscheulichkeit entschleiert; die sozialistische Erfahrung war noch nicht ökonomisch zur Autodestruktion gelangt; nicht einmal der Hitler-Faschismus hatte alle Möglichkeiten seines Horrors erkennen lassen.

"In der ersten Hälfte des Jahrhunderts", schreibt Horkheimer im Vorwort, "war proletarische Erhebung in den von Krise und Inflation betroffenen europäischen Ländern eine plausible Erwartung. Daß zu Anfang der dreißiger Jahre die vereinigten Arbeiter im Bunde mit Intellektuellen den Nationalsozialismus hätten verhindern können, war keine leere Spekulation."

Sehr viel ist geschehen, seit der aus Stuttgart stammende Gelehrte, der schon 1930. das Ordinariat für Sozialforschung in Frankfurt innehatte, seine Gedanken konzipierte. Die als plausibel erwartete proletarische Erhebung fand nicht statt. Hitler wurde nicht durch eine Allianz deutscher Arbeiter und Intellektueller weggeschafft, sondern durch Großmächte, zwei kapitalistische, eine bolschewistische. Der Kapitalismus von 1969 hat andere Züge als der von 1935. Woran liegt es, wenn gleichwohl Horkheimers Werk von so erregender Aktualität für den Leser von 1969 ist?

Zweierlei Gründe glaube ich entdeckt zu haben. Einmal führen die Aufsätze Horkheimers den eklatanten Beweis dafür, daß die dialektische Vernunft – und getrost dürfen wir seine "Kritische Theorie" unter den Titel stellen, den Sartre seinem großen Werk gab – nicht gebunden ist an eine vertrackte, jargonisierte Sprache. Schwierigstes ist hier zwar nicht "einfach" gesagt, was unmöglich wäre, wohl aber mit einem Minimum an verbalem Aufwand verkündet, auseinandergelegt, zusammengeführt.