Mehr als 400 Millionen Chinesen haben mit Versammlungen, Kundgebungen und Paraden den Neunten Parteitag der KPCh gefeiert, der in der vorigen Woche überraschend eröffnet wurde. Aber obwohl das Ereignis länger als acht Jahre auf sich hatte warten lassen – das Zweite Plenum des Achten Parteitags versammelte sich im Mai 1958 – fand es in der chinesischen Presse kaum statt.

Dort machte die jüngste Krise zwischen Moskau und Prag Schlagzeilen. Die amtliche Nachrichtenagentur Hsinhua veröffentlichte eine Grußbotschaft der rumänischen KP, die in Bukarest als "Selbstverständlichkeit unter Bruderparteien" bezeichnet wurde. Angeblich schickte auch die polnische KP ein Grußtelegramm.

Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS tat den chinesischen Parteitag mit sechs Zeilen ab. Während sich das Moskauer Parteiorgan "Prawda" jedes direkten Kommentars enthielt, nannte die Regierungszeitung "Iswestija" den Parteikongreß eine "maoistische Farce". Die theoretische Zeitschrift der KPdSU "Kommunist" hatte schon im vorigen Monat behauptet: "Das Ziel des Parteitags ist es, mit dem Marxismus-Leninismus zu brechen und ihn schließlich durch den Maoismus zu ersetzen, der als Kommunismus ausgegeben wird."

Mit einer "sehr bedeutsamen", aber nicht publizierten Eröffnungsadresse hatte der Vorsitzende der KPCh, Mao Tsetung, am Dienstag die 1512 Delegierten der verschiedenen Produktionssektoren, der Streitkräfte und der Roten Garden im Kongreßgebäude zu Peking begrüßt. Besonders erwähnt wurden die Angehörigen der Truppen, "die sich beim Kampf um die Verteidigung der Grenzen ihres Vaterlandes neue Verdienste erworben haben", und die vom Ussuri zum Parteikongreß entsandt worden waren.

Es folgte ein politisches Referat des designierten Mao-Nachfolgers, Verteidigungsminister Lin Piao, das nur auszugsweise bekannt wurde und das "die grundlegenden Erfahrungen der Kulturrevolution aufzählte, die innen- und außenpolitische Lage analysierte und die militanten Aufgaben der Partei herausstellte".

Neben Mao und Lin Piao wurde der Generalsekretär der KPCh, Ministerpräsident Tschu En-lai, in das Kongreß-Präsidium kooptiert. Auf der Tagesordnung stehen Beratungen über die Rede Lin Piaos, der Entwurf eines neuen Parteistatuts und die Wahl des künftigen Zentralkomitees.

Von den 176 Mitgliedern des bisherigen Zentralkomitees stammen 60 Prozent aus den Reihen der Armee. Die "Große Proletarische Kulturrevolution" hat 14 der 23 Mitglieder des ehemaligen Politbüros hinweggefegt. Die Führung des roten Riesenreiches liegt heute, wie westliche Beobachter vermuten, bei den 14 Mitgliedern des "Proletarischen Hauptquartiers" um Mao Tse-tung und bei den Militärs, welche die "revolutionären Komitees" in den meisten der 29 chinesischen Provinzen leiten. Die Armee und die 1500 "ausgesiebten Maoisten" des Parteitags (so der Londoner "Observer") werden auch über die Zusammensetzung der neuen Führungskader befinden.