Karajans Salzburger Osterfestival ist etabliert

Von Barbara Knoelke

Primär zur eigenen Freude, sozusagen als alljährliches Geburtstagsgeschenk, gibt sich Herbert von Karajan sein österliches Privatfestival an der Salzach – was nicht ausschließt, daß außer ihm eine inzwischen zur "Familie" zusammengewachsene Gemeinde an dieser Freude partizipiert. Karajans Kommentar: "Auf der ganzen Welt gibt es kein Publikum, das so wertvoll ist!" Ob wenigstens er das im ideellen Sinne meint?

A propos Geburtstag: Als ihm die Berliner Philharmoniker anläßlich der Dvořàk-Probe zum einundsechzigsten gratulierten, gestand er gerührt: "Es ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk, mit meinem liebsten Orchester vor dem liebsten Publikum spielen zu dürfen!" Und diese Oberraschung gönnt er sich jedes Jahr.

Neun Vorstellungen, fünfmal Oper, viermal Konzert in acht Tagen, dazu die mehr oder weniger öffentlichen Generalproben – das Ganze auch als Tourneevorbereitung für Moskau und Prag: realisierbar ist so etwas lediglich außerhalb des normalen Theaterbetriebes; Karajan: "ohne jeden Gewerkschaftsgeist!" Und neben dem Erfolg, der sich rein äußerlich in einem allabendlich ausverkauften Haus niederschlägt, ist die treibende Kraft dieser Festspiele eben das "große Glücksgefühl" einer ungetrübten 23tägigen Probenarbeit.

"Rheingold" wurde mehr als eine Wiederholung, da sich durch Umbesetzungen die Konzeption nicht unerheblich verschoben hat: Dietrich Fischer-Dieskaus Wotan war im Vorjahr ein gradliniger, über den Problemen stehender Gott – Theo Adam spielte dieses Mal von vornherein den Zauderer, einen den Verlust seiner göttlichen Geborgenheit ahnenden, kurz: einen vermenschlichten Göttervater, der dem weicheren symphonischen Klangbild Karajans viel näher kommt. Stimmlich bestens disponiert, war Theo Adam ein makelloser, idealer, neben Thomas Stewart, der in diesem Jahr als Wanderer zu hören war, der beste verfügbare Wotan. Zweifelhaft allein blieb die dramaturgische Konzeption dieser Rolle im "Siegfried". Dort tritt Wotan bekanntlich als Wanderer auf. Karajan jedoch nahm ihm die notwendigen Attribute und beließ ihn in seiner Götterstellung. Er macht das optisch deutlich durch den Auftritt im ersten Akt: Wotan begrüßt Mime aus der Höhe herunter, vom Dach der Schmiede aus, und er betritt die Höhle erst unmittelbar vor der Rätselszene.

Für mich der musikalische Höhepunkt dieser Osterfestspiele: "Rheingold." Eigentlich hätte man in Salzburg ähnliches für Mozart erhofft, doch im Divertimento D-dur KV 334 blieb es bei einer unterkühlten Wiedergabe, schwerlich dazu angetan, dem genius loci gerecht zu werden. Nach der Pause dieses Konzertes hingegen, bei Bruckners Siebenter Symphonie, stellte sich einer der im Konzertsaal seltenen Augenblicke ein, in dem das Publikum so gebannt war, daß der Applaus lange auf sich warten ließ.